Entspannung

Das Leben hat heute den Nachnamen „Stress“. Der Herr Stress mischt sich auch gerne überall ein. Bei der Arbeit schwingt er die Peitsche, im Zug sorgt er für Platzmangel und Gestank und zu Hause lässt er grinsend den Haushalt auf Dich warten. Herr Stress hat aber noch Verwandte, die ihm bei der Arbeit helfen. Sein kleiner Neffe namens „Callcenter“ sorgt kichernd dafür, dass die Freizeit laufend unterbrochen wird und auch die Nichte genannt „Zahlung“ ist gerne und immer wieder für hohen Blutdruck zuständig. Und was tun wir dagegen? Natürlich, wir wollen entspannen und entschleunigen. Also montieren wir nach einem langen Tag die Turnschuhe und hecheln die Nerven endgültig und mit Tempo auf dem Asphalt herunter. Gemischt mit den Abgasen ist das ein Wundermittel gegen Stress. Am nächsten Tag verschwindet die Tante „Erinnerung“ auch sofort, um nicht den Verdacht zu erwecken, dass die vorherigen Bemühungen sinnlos waren. Also mir stinkt das. Der liebe Herr Stress und seine ganze Verwandtschaft können mich gerne mal liebhaben. Wenn ich Ruhe, Entspannung und Spass will, dann gehe ich in ein Pflegeheim, in ein Spital oder alternativ auf einen Friedhof. Ja, das ist vielleicht morbid, aber wirkungsvoll. Man glaubt es kaum, aber eine Pflegeabteilung ist die Entschleunigung pur. Alles ist ruhig und langsam. Na, ihr wisst ja, wie schnell Rollatoren sind. Und die Alten sind äusserst freundlich und kontaktfreudig. Die sitzen nicht alleine in der Ecke, wie wir anderen das im Restaurant tun. Nein, die scheren sich nicht im Geringsten um meine Privatsphäre. Die wollen reden. Super, ich auch! Es gibt nirgends spannendere Geschichten, als die der alten Menschen. Und sie haben ein Wissen über Pillen, Säftchen und dergleichen, da kann kein Apotheker oder Arzt mithalten. Das ist sozusagen Weiterbildung bei Kaffee und Kuchen. Genau mein Ding. Gut, man muss lernen mit Windeldüften und anderen Gerüchen zu leben. Aber man kann nicht alles haben. Im Spital ist es noch besser. Da treffen sich halb Lebende und noch nicht ganz Tote vor dem Eingang, um eine zu rauchen. Das ist eine unbezahlbare Gruppe. Schon alleine die Zugehörigkeit zur aussätzigen Raucherspezies fördert den Gruppenzusammenhalt ungemein. Es ist immer wieder ein Erlebnis. Da kommen Kontakte zustande, da kann man im richtigen Leben nur davon träumen. Falls meine Nerven aber total am Durchdrehen sind, dann gehe ich auf den Friedhof. Da ist es wirklich still. Keine schreienden Bälger, Laubbläser oder sinnloses Gequatsche. Nichts bläst Sorgen mehr weg, als die Erkenntnis, dass man nicht unter einem Stein liegt. Zusammenfassend könnte man also sagen, da wo Krankheit und Tod vorherrschen, da gibt es am meisten Leben. Jedenfalls ändert das die Problemansichten radikal. Das gelingt mit den gesunden, arbeitenden und hektischen Individuen meist nicht. Es hat nämlich keiner Zeit zum Denken, denn wir sind alle beschäftigt. Den ganzen Tag. Ach ja und falls ihr nach so einem Besuch nach Hause kommt und euch immer noch über eure Stressfalten ärgert, habe ich einen Tipp. Schraubt im Badezimmer einfach eine 5 Watt Lampe rein und ihr seht keine Falten mehr. Problem erledigt.
Ich wünsche allen eine stressfreie Woche
Liebe Grüsse
Alex

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