Es muss nicht immer Hitler sein...

Dieser Tage ist ER wieder in aller Munde, und dass ER gerade mal wieder im Kino zu bewundern ist, weiß inzwischen auch jede/r. Warum wir uns immer noch so fanatisch für IHN interessieren, dass wir nicht mehr als ein Pronomen brauchen, um zu verstehen, um wen es geht – das ist eine lange Geschichte, die wir alle kennen. Und wenn wir glauben (möchten), dass die mediale Auseinandersetzung mit der Geschichte die Gesellschaft der Gegenwart verbessern kann, dann macht Hitlers Dauerpräsenz vielleicht ja auch irgendwie Sinn.

Seltsam ist es aber doch irgendwie, dass bei unserer schamvoll-voyeuristischen Besessenheit vom Schurkencharme des „Führers“ die „Held*innen“ der Geschichte fast immer zu kurz kommen, auch und gerade, was das Kino betrifft. Mal so gefragt: Wie viele Kinofilme kennt Ihr über Hitler, wie viele über Fritz Bauer? Und wenn Letzterer, wie ER, auf wundersame Weise wieder unter den Lebenden wandelte, wie viele würden wohl nach einem Selfie mit ihm fragen...?

Es war also höchste Zeit für dieses Filmdenkmal, das Regisseur Lars Kraume dem hessischen Generalstaatsanwalt und couragierten „Nazijäger“ hier setzt, der entscheidend dazu beitrug, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse zu initiieren. Im Film geht es allerdings zunächst um die Vorgeschichte, nämlich um Bauers Jagd nach dem in Argentinien untergetauchten Adolf Eichmann. Beeindruckend und auch erschreckend, hier zu sehen, wie Bauer unermüdlich gegen die Windmühlen der jungen, immer noch von ehemaligem Nazipersonal infiltrierten Bundesrepublik kämpfte, um den SS-Obersturmbannführer vor Gericht zu bringen.

Mit Burghart Klaußner („Das weiße Band“) in der Hauptrolle ging Lars Kraume in puncto Präsenz und Klasse auf Nummer sicher, und natürlich schafft es Klaußner spielend, aus der Heldenstatue eine von Kampfgeist und Entschlossenheit belebte Figur mit Ecken,Kanten, trockenem Humor und Sturmfrisur zu machen.

Wie Fritz Bauers Jagd nach Eichmann ausging, dürfte bekannt sein, falls nicht: Ein Grund mehr, sich dieses fesselnde Politdrama anzusehen. Das ist nicht nur wegen der NS-Aufarbeitungsgeschichte sehenswert, sondern funktioniert darüber hinaus auch als authentisches Gesellschaftsbild der verstockten und verlogenen Ära Adenauer; der Umgang mit von der Norm abweichender Sexualität spielt zum Beispiel auch eine größere Rolle.

Am Ende lässt der Film viele Fragen offen, die unaufdringlich dazu einladen, sich intensiver mit den hier teils nur angerissenen Hintergründen auseinanderzusetzen, und wäre daher, verehrte Pädagog*innen, m. E. auch eine sehr gute Ergänzung für den Geschichtsunterricht. Zumindest in meiner Schulzeit sah es nämlich so aus, dass die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und ein paar achtlos drangeklatschten Stunden über den Kalten Krieg scheinbar aufhörte. Den Namen Fritz Bauer habe ich in der Schule jedenfalls nicht gehört, so weit ich mich erinnern kann. Aber ich war ja auch öfter mal krank.

Der Staat gegen Fritz Bauer

http://www.derstaatgegenfritzbauer.de/