Fear sells

Warum eigentlich kann Gutes und Richtiges nicht auch mal in plakativen Phrasen die Bühne dieser Welt betreten? Weshalb funktioniert das scheinbar nur mit destruktivem Unfug gut? Warum besitzt das Beschissene Klang wie Donnerhall und damit einen schlagenden Vorteil gegenüber allem Vernünftigen, ist lauter, einprägsamer und zunächst erfolgreicher?

Wie ungesunder Industriezucker geht reaktionärer Müll sofort ins System und sorgt zunächst für Befriedigung, Beruhigung, trügerische Klarheit. Geistig Gesünderes hingegen schmeckt nicht unmittelbar, braucht Zeit, "nährt" zwar langfristig besser, verblasst aber stets im Angesicht "fetthaltiger" und "überzuckerter" Dumpfheit. In den Junkfood-Ketten unserer Medien dominieren sie das Angebot. Klar, geht es dabei nicht zuletzt auch um Profit. Ähnlichkeiten zu unserem tatsächlichen Fressverhalten in der Breite sind nicht unbedingt zufällig. Du bist nicht nur was, sondern auch WIE du frisst. Gehaltvollere Geistesnahrung ist aber verfügbar und nicht aus der Welt. Versteckter zwar, weiter hinten oder dank alternativer, unabhängigerer Futterkrippen meist nur wenige zusätzliche Klicks entfernt. Leider findet sie vergleichsweise dennoch nicht allzu viele Abnehmer. Und zudem ist sie wie gesagt meist anstrengender, muss länger von den Synapsen durchgekaut werden und knallt nicht so.

Wenn man einen Weg finden könnte, Richtiges, Kluges ähnlich knapp und schmissig, geschmiert wie ein gut bewährtes Vorurteil, aufzubereiten, wer weiß ob es sich dann nicht auch für diese Medien lohnte, das Menü für die Massen ein wenig umzustellen. Hypothetische BILD-Schlagzeile: "ISIS sauer, Europa verwechselt Flüchtlinge auch weiterhin nicht mit Terroristen!". Anstelle beständig Öl ins Feuer Letzterer zu gießen. Oder "Amokläufer - belogen und hinters Licht geführt!", anstatt sie lediglich mit dem üblichen Grusel-Lametta zu behängen, im unbewussten vorauseilenden Terrorfürsten-Gehorsam.

Wiederholte Binsenweisheit: Die Angst ist der Feind und der ist weitgehend hausgemacht. Furcht ist die Munition, mit der hier geschossen wird. Die Big Fucking Gun! Und wir stellen sie sogar selbst fleißig mit her. Wenn ein Mückenstich juckt sollte man aufhören zu kratzen. Blöder Vergleich, aber ihr versteht hoffentlich was ich meine. Es kostet Überwindung, Disziplin und Zuverischt. Und hilft dann auch.

Aber Angst ist halt ein bisschen wie Bulimie. Wir fressen sie um zu kotzen und wir kotzen um sie wieder zu fressen. Sie ist eine mächtige Kraft, die keinen großen Anlass braucht. Sie kommt schnell und klebt dann tüchtig im Gebälk, zeitigt Reaktionen, die ihr den Fortbestand sichern. Vielleicht sind wir mental einfach noch immer nicht so weit, nicht ausreichend gewappnet, um diese emotionale Ess-Brech-Sucht zu meistern. Möglicherweise soll es auch nicht sein. Eventuell liegt es nicht in unserer Natur, solche Entwicklungen aufzuhalten und alles was gerade geschieht ist nur eine Strophe des uralten Gassenhauers, der seit jeher vom Aufstieg und Fall der Kulturen handelt…

Ab einem gewissen Punkt könnte es schon so sein, dass es kippt. Aber ich denke von dieser kritischen Schwelle sind wir noch ein gutes Stück weg. Weniger Angst, mehr Aufklärung. Nicht nur im Kantschen Sinne, sondern unbedingt auch was konkret die Strategien des Terrors angeht. Nicht zuletzt, um ihm allmählich den outgesourcten Nachwuchs abzugraben. Und das geht nur mit Offenheit und im Dialog. Und neben dieser Bekämpfung von Symptomen ist es unbedingt notwendig endlich die Ursachen des Terrors schlechthin anzuerkennen und aus der Welt zu schaffen. Denn die haben leider auch zu einem wesentlichen Teil ihren Ursprung in der Außenpolitik des Abendlands. Das sollte uns nach unerfreulichen Ereignissen immer bewusst sein. Der Hass, den wir nach solchen Tragödien empfinden, die verstohlenen Rachephantasien, die uns möglicherweise im ersten Moment heimsuchen, sind unter Umständen genau das, was viele dieser Täter erst zu solchen gemacht hat.

Hasskultur