Frankenstein (1931)

Wie immer kein Review von mir. Nur ein paar wilde Gedanken.

Ich finde James Whales "Frankenstein" (1931) liefert ein ziemlich gutes Exempel dafür ab was klassischen Horror auszeichnet. Auf den ersten oberflächlichen Blick mag das ein für heutige Verhältnisse ziemlich zahmer Film sein, aber das ist er lediglich, wenn Blood&Guts das Maß aller Dinge sind. Dabei ist Splatter allenfalls eine Form von Abkürzung, um direkt auf den ultimativen Horror-Aspekt schlechthin zu kommen: Physische Vernichtung. Horror meint aber nicht nur das. Moderne Vertreter bauen in erster Linie darauf, damit sie gleich unmissverständlich das Horror-Siegel erhalten. Horror beschreibt jedoch vor allem ein Empfinden. Bei den Protagonisten, wie beim Zuschauer. Eine Verbindung von Angst und Ekel, bzw. Abscheu vor den Dingen, die sich auf der Leinwand zutragen. Das betrifft nicht nur Körperflüssigkeiten, die entgegen ihrer Natur einen Ortswechsel von Drinnen nach Draußen vollziehen. Seelische Abgründe sind zudem gemeint. Klassischer Horror orientiert sich vorwiegend an Letzteren. Klar. Explizite Gewaltdarstellung ist ein wenig die Pornographie des Horrorfilms. Das, was man nicht zwingend zeigen muss, was aber den Vorgang vermeintlich restlos ausformuliert. Der "Cumshot" wenn man so will. Solche letzten Tatsachen ziemten sich früher weitaus weniger als heute.

Psychologischer Horror stand an dessen Stelle, es oblag den Filmemachern auf kreative Weise einen Weg zu finden, Furchtbares mittels poetischer Bildsprache und Kniffe zu transportieren, seine Darstellung mit künstlerischen Mitteln zu legitimisieren. Heutzutage wird Schlimmes häufig durch zusätzliche Übertreibung eher entschärft. Einst ging es wohl mehr darum, höchst Makaberes dem Publikum durch die Blume der Ästhetik näherzubringen, es so auf sanfte Weise ins Messer laufen zu lassen.

"Frankenstein" von 1931 ist da ein recht anschauliches Beispiel wie ich finde. Man muss nur mal nüchtern betrachten, was einem in diesem eher kurzen Film alles vor den Latz geknallt wird: Leichenraub von einem Friedhof, ein Körper wird aus Leichenteilen zusammengeflickt und wiederbelebt, ein Kind kommt um, eine Braut wird - in der Hochzeitsnacht! - vom Monster bedrängt, einen Fackeln und Mistgabeln schwingenden Mob, und das Ende der bedauernswerten Kreatur in den Flammen einer brennenden Windmühle. Gut, es kehrt in der Fortsetzung wieder, aber die hatte beim Original bestimmt noch niemand auf dem Schirm.

Das ist alles eigentlich schon recht deftig. Dazu kommt ein Monster-Design und -Makeup, das seinerzeit unvorbereiteten Gemütern bestimmt nächtelang Albträume bereitete. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit diesem, zum popkulturellen Inventar gewordenen Anblick aufgewachsen sind, auf quasi sicherem Terrain. Für uns ist das mehr oder minder nur noch ein vertrautes Monster aus der Geisterbahn. Für die Kinobesucher damals war das zunächst mal ein reanimiertes Leichen-Ding, das nicht nur aus Hass tötet. Sogar seine Zuneigung bringt den Tod. Und es dürfte zudem ganz schön verstörend gewesen sein, selbst dann noch Sympathie für diese hässliche, irgendwie in ihrem Schicksal aber doch unschuldige "Tötungsmaschine" zu empfinden.

Meine persönliche Lieblingsszene folgt nach dem ungewollten Mord an dem kleinen Mädchen am See. Das ländliche Städtchen, in dem Frankenstein Senior Bürgermeister ist, feiert ausgelassen die Hochzeit Juniors mir Elizabeth. Die einzige Sequenz des gesamten Films, in der es Musik gibt, mal abgesehen von den Titeln am Anfang und am Schluss. Und diese Musik ist Teil der Szene selbst und kein Filmscore. Inmitten dieses Treibens entdecken wir plötzlich den Vater des getöteten Kindes, wie er es apathisch in einer langen Einstellung durch die fröhlich tanzenden Menschen trägt. Was für ein Moment!

Ein großartiger Film von einem Genie, der mit angezogener Handbremse so manchen modernen "Raser" locker überholt. Und mit Bildern, die man nicht mehr vergisst. Horror wird hier fast zärtlich und mit einer Zurückhaltung zelebriert, die ein tief humanistischer Blickwinkel diktiert, was dem Grauen nur noch mehr Gewicht verleiht.

Horrorfilm Klassiker

https://youtu.be/AkSbwiKP3mo

Anzeige: