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Franz K., reanimiert

Gestern habe ich nach langem Hinauszögern den letzten Teil von Reiner Stachs Kafka-Biografie zu Ende gelesen. Danach wurde ich von einer Art Leere überfallen, die viele vielleicht von „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ oder anderen Liebesbeziehungen mit mehrteiligen Büchern kennen: Es ist vorbei, endgültig. Und jetzt? Was soll ich lesen, was kommt danach, was kann mir wieder dieses Versunkenheitsgefühl bescheren?

Viele Stunden bin ich mit Reiner Stach als *****-Reiseführer durch Kafkas unglückliches Universum gereist und habe dabei so viele, auch intime Details über Kafka erfahren, dass ich glaube, ihn jetzt besser zu kennen als seine eigene Familie ihn kannte (warum es mit der nicht so gut lief, erfährt man ebenfalls). Ja, dank Stachs unglaublichem Erzähltalent habe ich viele einschneidende Ereignisse in Kafkas Leben sozusagen hautnah miterlebt. Hach. Ja, ich will mehr davon. Aber leider gibt es nicht mehr, erst mal.

Zum Glück hat mir jemand zur richtigen Zeit ein wunderbares neues Buch geschenkt, das mich jetzt vor dem schwarzen Loch bewahrt, das sich nach solchen literarischen Grenzerfahrungen normalerweise auftut. Und vielleicht steht ja jemand von Euch gerade vor einem ähnlichen Loch und sucht nach etwas, das genauso süchtig macht wie die alte Droge. Falls ja, vielleicht hilft ja diese Empfehlung weiter.

Man muss nämlich nicht unbedingt Kafka-Kenner*in oder Die-Hard-Fan sein, damit einen Stachs Biografie packt. Es reicht, wenn man ein bisschen fasziniert ist von dieser merkwürdigen Gestalt namens Franz K., vielleicht mal z.B. „Die Verwandlung“ gelesen hat oder einfach nur wissen will, was der Ausdruck „kafkaesk“ eigentlich wirklich bedeutet. Ein bisschen literarisches und auch (kultur-)geschichtliches Interesse sollte am besten auch vorhanden sein.

Eine „Jahrhundertbiografie“ hat also die Frankfurter Allgemeine das dreiteilige Werk genannt, und ja: die FAZ und alle anderen, die Stach in den feuilletonistischen Himmel gelobt haben, lagen nicht falsch. Von den insgesamt 2037 Seiten sollte man sich auch als Privatleser*in nicht abschrecken lassen („Harry Potter“ hat über tausend Seiten mehr!), denn erstens funktionieren „Die Jahre der Entscheidungen“ (2002), „Die Jahre der Erkenntnis“ (2008) und „Die frühen Jahre“ (2014) auch unabhängig voneinander, man muss also nicht alle Teile lesen. Wird man aber zweitens sowieso wollen, weil Stach nicht nur ein ausgezeichneter Biograf, sondern auch, wie gesagt, ein virtuoser Erzähler ist.

Im Mittelpunkt der biografischen Narrative steht natürlich die Person Franz K., privat und beruflich, die Stach anhand einer unfassbaren Menge von Dokumenten in allen denkbaren Facetten rekonstruiert und mit teils filmischen Erzählmitteln regelrecht reanimiert. Dabei finden wir diesen Herrn Kafka oft sonderbar, aber nie unsympathisch. Wir lernen Kafka kennen als Sohn, Bruder, Freund, ewig scheiternden Liebhaber, ängstlichen Schüler, als Chemie- und Jurastudenten, als Kaffeehaus- und Bordellbesucher, als mit kultureller Identität hadernden Juden, als disziplinierten Angestellten der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherung, als Gesundheitsfreak und begeisterten Schwimmer, als skurrilen Einzelgänger, hypersensiblen Beobachter und – natürlich – als Schriftsteller. Wir erleben ihn in seiner neurotischen Verzweiflung, in seinem Selbsthass, in seinen dunkelsten Stunden, die zum Großteil auch die produktivsten waren. Wir begleiten Kafka als Tuberkulosekranken und als Sterbenden bis zum ergreifenden Schluss.

Kafka hat Zeit seines kurzen Lebens in Prag verbracht, somit spielt die Stadt sozusagen die zweite Hauptrolle in Stachs Biografie. Kafkas Prag wird mal im weltgeschichtlichen Panorama, mal in der privatesten, in Kafkas Tagebüchern notierten Einzelheit gezeigt – unbedingte Leseempfehlung also auch für alle, die sich für die Geschichte Prags, den 1. Weltkrieg und / oder die Kultur und Ästhetik des Fin de Siècle interessieren.

Reiner Stach erweist sich bei dieser Zeitreise als ein ebenso akribischer wie leidenschaftlicher Chronist und Suchender: Kein noch so kleines Detail spart der Literaturprofessor aus, um uns die Lebenswelt Kafkas nahe zu bringen, und er versteht es ausgezeichnet, die Fragmente dramaturgisch anzuordnen, weshalb sich, wie Imre Kertész feststellt, diese Biografie tatsächlich streckenweise wie ein Roman liest.

Mehr als achtzehn Jahre seines Lebens hat Reiner Stach dem Mythos Kafka „geopfert“ - und konnte das große Rätsel am Ende ebenso wenig lösen wie alle anderen vor ihm. Zum Glück hat Stach aber erkannt, dass das auch nicht Ziel seiner biografischen Forschung sein konnte: weil die Faszination Kafka auch darin besteht, dass sein Werk uns immer wieder in Labyrinthe führt und vor Türen stellt, zu denen es eben keinen Schlüssel gibt.

Reiner Stach: Kafka-Biografie

http://www.reinerstach.de/kafka-biographie