Freiwild, Verhaltensregeln, No-Go-Areas

Wie man hier ja schon das eine oder andere Mal gelesen hat, bin ich hin und wieder auf dem Hamburger Kiez zu Gast, wo sich in der Silvesternacht Ähnliches zugetragen haben soll wie in Köln. Eigentlich mehr zufällig und aus Faulheit habe ich mich dagegen entschieden, dieses Silvester auf dem Kiez zu verbringen; die neuesten Meldungen machen mich entsprechend betroffen.

Nun hat man also anscheinend den Präzedenzfall: Männer mit, wie berichtet wird, arabischem Hintergrund bedrängen, belästigen und berauben „deutsche“ (?) Frauen im großen Stil. Das hat natürlich einen gewissen, negativen Eventcharakter und eignet sich sehr gut, um die Flüchtlingsdebatte weiter hochzukochen, allgemein Angst zu schüren und den Überwachungsstaat voranzutreiben.

Die auf die sog. Flüchtlingsdebatte bezogenen Aspekte des Themas will ich im Folgenden mal außen vor lassen und stattdessen ein Statement abgeben, das einige vielleicht überraschen wird: Sexuelle Belästigungen, Beleidigungen und Übergriffe durch (meistens) betrunkene Personen mit und ohne Migrationshintergrund sind in Deutschland Alltag. Nicht nur in großen Städten und ihren Vergnügungsvierteln, und nicht erst seit dem letzten Jahr. Darüber wird allerdings selten berichtet, es sei denn, die Meldung lässt sich für irgendeine als wichtiger empfundene Debatte instrumentalisieren (siehe z.B. der Fall Brüderle).

Im Fall Köln/ HH ist es neben der viel kritisierten Verzögerung vor allem die Art der Berichterstattung, die sauer aufstößt. Obwohl ich eigentlich weniger zu politisch korrekter Wortklauberei neige, haben mir die im entsprechenden Diskurs zu findenden Schlagwörter ziemlich zu denken gegeben – vor allem darüber, in welchem Jahrhundert wir eigentlich leben.

Von „Angriffen auf wehrlose Frauen“ ist da die Rede, von Verhaltensregeln für selbige (#einearmlaenge, ha ha ha), und gönnerhaft gab man uns zu verstehen, wir seien für „marodierende Ausländer“ natürlich kein „Freiwild“ (cool, danke!). Letzterer Begriff hat mich tatsächlich am meisten aufgeregt, was übrigens nichts mit der gleichnamigen und bekanntlich umstrittenen Volksmusikkapelle aus Südtirol zu tun hat.

Dieser Begriff hat nämlich bei näherer Betrachtung eine ziemlich unangenehme Konnotation: Unter „Freiwild“ versteht man bekanntlich Tiere, die für jedermann zum Abschuss freigegeben sind. Dem gegenüber stehen eben diejenigen Viecher, die zu jagen nur bestimmten Personen vorbehalten ist, nämlich denjenigen, denen das Land gehört, auf dem sich das Nicht-Freiwild herumtreibt. - Ein Begriff also, der m. E. ziemlich unglücklich in Richtung derjenigen abgleitet, die sich spätestens seit Beginn der „Flüchtlingskrise“ um „ihre“ durch Männer anderer kultureller Prägung ach so bedrohten Frauen sorgen.

Vor nicht allzu langer Zeit sorgte eine europaweite Umfrage für (ein bisschen) Interesse, die ergab, dass jede 2. Frau in ihrem Leben mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt wird.* Eine davon bin ich, was wenig schockierend ist angesichts dieser insgesamt schockierenden Quote. Deswegen in Angst und Schrecken zu leben und mir potenzielle Gefahrenzonen als No-Go-Areas deklarieren zu lassen, sehe ich allerdings nicht ein.

Grundsätzlich reklamiere ich für mich und alle anderen das Recht auf unbeschwertes Ausgehen und Feiern, unabhängig davon, ob nun eine „schützende“ männliche Begleitung zur Hand ist oder nicht.
Da wir aber nicht immer das bekommen, was uns von Rechts wegen zusteht, ist es wichtig, sich selbst zu schützen anstatt sich im Schneckenhaus zu verschanzen oder einfach zu hoffen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf in diesem ach so sicheren und kultivierten Land.

Zu diesem Selbstschutz gehört in erster Linie eine Awareness, die vielen gerade beim Feiern leider abgeht. Die beginnt damit, immer (!) auf das eigene Getränk aufzupassen und selbst so gut es geht für die eigene körperliche Sicherheit zu sorgen, anstatt darauf zu hoffen, dass es im Ernstfall jemand anders tut. Dafür gibt es bekanntlich so manches legale und einfach zu beschaffende Mittel.

Für mich ist und bleibt der Kiez jedenfalls keine No-Go-Area, und ich hoffe, dass sich die Geschädigten schnell von den Erlebnissen der Silvesternacht erholen und sich dadurch ebenfalls nicht dauerhaft in ihrer Freiheit einschränken lassen.

*http://www.taz.de/!5047159/

#kölnhbf

http://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Kiez-Attacken-an-Silvester-Jetzt-27-Anzeigen,kiez116.html