"Friendly Fire" am Arbeitsplatz

"Die Hölle, das sind wir - Reloaded!"

Leider bin ich in Sachen Mobbing über das übliche allgemeine Halbwissen hinaus nicht informiert. Und eigentlich geht es mir hier mehr um eine Abart oder Unterform davon. Wenn also jemand in dieser Hinsicht bewandert ist und den Feind akkurater beim Namen nennen kann, dann bitte immer her damit.

Unter "Mobbing" versteht man ja nach meinem bescheidenen Wissensstand allgemein einen Vorgang, der mit beabsichtigter psychischer Zersetzung einer einzelnen Person oder wenigen Personen durch viele Personen zu tun hat. Ein Mob  besteht ja aus mehr als nur einem Menschen. Wobei ein Chef alleine auch gut mobben kann. Der hat sozusagen genug Mittel und Macht, wenn man so will. Jedenfalls ist hier der Feind klar ein Feind und seine Absicht eindeutig bösartig. Was aber, wenn Letzteres nicht zutrifft? Gibt es Mobbing ohne bösen Vorsatz?

Und ob es das gibt. Und es ist in meinen Augen sogar noch ein klein wenig perfider, als die klassische Variante und auf Dauer bestimmt nicht minder schädigend.

Zur Erläuterung ein beherzter Griff in meinen Erfahrungsschatz. Irgendwie eignete ich mir über die Jahre, aufgrund meiner chaotischen Arbeitsweise, den Ruf eines Tollpatsches an, der halt ab und zu Fehler macht. Der Ruf qualifiziert mich quasi ad hoc als erste Anlaufstelle, wenn wer wo was verbockt hat. In der Regel richten sich, insofern ich irgendwie beteiligt war, immer sämtliche Augen zunächst auf mich. Das ist mittlerweile einfach so. Die anderen bauen auch oft genug Scheiße, aber meine Scheiße schillert besonders und wirkt nach. Nicht weil sie schlimmer wäre. Ich verleihe qua meiner Funktion als Tollpatsch den Schnitzern nur besonders nachhaltig Glanz. Das ist manchmal witzig. Meistens jedoch nicht. Meist wurmt es. Frisst es an mir, zehrt es von meinen Nerven, so dass ich sehr oft geladen, die meiste Zeit sauer, unzufrieden und nicht selten kurz davor bin hinzuschmeißen.

Jetzt sind die meisten meiner Kollegen aber echt relativ liebe Zeitgenossen, deren Geduld eben, wie halt bei mir auch, durch viel Arbeit und Stress auf tönernen Füßen steht. Und da sie mich schon in der vermeintlich adäquaten Schublade für Chaoten stecken haben, scheint die Lage bei Verfehlungen oft klar. Irgendwie werde ich schon irgendwo irgendwas vermasselt haben. Wenn nicht auf den ersten Blick eindeutig ist, dass es auf die Kappe eines anderen geht, bekomme ich den schwarzen Peter zugeschoben und nicht mehr los. In Form von Blicken und Getuschel. Am unangenehmsten sind nett gemeinte Bemerkungen, die mit einem freundlichen Lächeln zwar den Frieden wieder herstellen sollen, aber keinen Deut vom Fehlurteil abweichen. Also so eine in Zucker gepackte Großkotzigkeit, die einen nur noch mehr runterdrückt. Dann könnte ich morden!

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Kollegen kaum ausreichend deutsch sprechen und verstehen. Ernte ich also deren Unmut gänzlich unverschuldet, kann ich mich ihnen noch nichtmal erklären, bzw. mich rechtfertigen. Und dann wird in einer mir nicht geläufigen Sprache auch noch geflüstert, gelästert oder betont verständnisvoll Nachsicht demonstriert, während ich innerlich bereits koche, im Geiste morde und brandschatze. Das ist dann ein kafkaesker Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Die Tatsachen verschleppen sich schließlich, sind rasch nicht mehr rekonstruierbar, weil weiterhin einfach zu viel passiert und am nächsten Tag ist es zwar vergessen, aber meine wackelige Reputation hat einen weiteren permanenten Sprung, der einmal mehr künftige Fehlurteile begünstigt.

Und nochmal. Das sind alles mehr oder minder nette Kollegen, die mir bestimmt nichts Böses wollen. Menschen in Gruppen zeitigen nicht selten psychosoziale Phänomene, die einen ungnädig überrollen können. Der Gruppen-IQ liegt ja bekanntermaßen weit unter dem durchschnittlichen IQ eines jeden einzelnen Mitglieds der Gruppe und nimmt mit jedem weiteren Menschen weiter ab. Gut zu beobachten bei Horden um die Häuser ziehender Fußballfans zum Beispiel, man kennt das ja.

Das Perfide daran ist, dass man keinen echten Gegner hat, dass man von Menschen zuweilen fertiggemacht wird, die man gar nicht hasst und Hass auch nicht verdienen. Von Arschlöchern gemobbt zu werden ist hart, doch eine innere Abgrenzung ist hier wenigstens noch möglich. Aber unter "Friendly Fire" zu geraten, da braucht es gar keine groben Hiebe, da schmerzen schon kleinere Ungerechtigkeiten ohne böse Absicht, insbesondere dann, wenn die Umstände im Nachhinein keinerlei oder kaum Rechtfertigung oder Aufklärung zulassen.

Und es nagt am Selbstwertgefühl. Denn wie einen die Leute sehen, so wird man. Das Rudel weist einem seinen Platz zu und die Natur sorgt dafür, dass man sich passend einrichtet über kurz oder lang. Mittlerweile fühle ich mich bei entsprechenden Gelegenheiten auch gleich pflichtbewusst schuldig, selbst wenn ich ganz genau weiß, dass ich nicht der Schuldige bin. Ich sehe mich schon so, wie die anderen mich sehen. Stichwort Selbsterfüllende Prophezeiung.

Menschen kosten mich Kraft. Mittlerweile arbeite ich am liebsten alleine. Ein Thema, dem ich mich an anderer Stelle vielleicht nochmal widmen will.

Jedenfalls ist Mobbing meines Erachtens nicht nur ein Kind böser Absichten. Kommunikationsschwierigkeiten; Stress; Vorgesetzte, die nicht deeskalierend einwirken wollen, da sie Spannungen vermutlich als Vorteilhaft erachten (wer Angst hat spurt!); Zeitmangel, um Dinge ins rechte Licht zu rücken, weil jede Sekunde zählt; Klischees, die einem das Denken abnehmen und echte Empathie erfolgreich verhindern …; das alles ist ein perfekter Nährboden für Mobbing der freundschaftlichen Art. Da frage ich mich schon manchmal, ob aus dumpfer Bösartigkeit gemobbt zu werden nicht sogar irgendwo ein klein wenig eträglicher ist, als das.

Früher habe ich ohne nachzudenken auf die Frage hin, was ich mal beruflich machen wolle, meist naiv geantwortet: "Was mit Menschen." Gut, Bestattungsunternehmer ginge in der Hinsicht vielleicht ja noch. Ansonsten, bleibt mir weg mit Menschen am Arbeitsplatz! ;)

Soziale Phobien, Mobbing, Freunde, Mobbing