„Für viele eine Identifikationsfigur – für manche genau das Gegenteil“

„Er war für viele eine Identifikationsfigur - und für manche genau das Gegenteil“ - Dieser Satz aus der Predigt der gestrigen Trauerfeier für Guido Westerwelle bringt es auf wohl auf den Punkt. Als vor zwei Wochen die überraschende Nachricht von seinem Tod die Runde machte hatte ich wieder die Bilder vor Augen, wie er mit Guido-Mobil und Superman-Kostüm für sein „Projekt 18“ im Jahr 2002 durchs Land zog, mit Big-Brother-Kandidaten Bier trank oder sich als „Fraktionsfurzender der FDP“ bei TV Total präsentierte. Sein Spaßwahlkampf galt später als große Pleite (statt 18% gab es 7,4%), bei mir hatte es aber Eindruck hinterlassen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal das Wahlalter erreicht, bin so aber zum ersten Mal überhaupt mit der Politik in Berührung gebracht worden. Mich hat damals Westerwelles selbstironische und nahbare Herangehensweise angesprochen, die kein Politiker vor ihm oder nach ihm so zelebrierte wie er.

Zeitgleich kamen mir auch einige „Fremdschäm-Momente“ wieder in Erinnerung. So wie beispielsweise nach seinem Wahlerfolg 2009, als er einem britischen Journalisten verweigerte auf Englisch zu Antworten („Es ist Deutschland hier!“) oder als er die umstrittene Hoteliers-Steuersenkung durchdrückte - den zweifelhaftesten und wohl einzigen Erfolg seiner großen „Mehr Netto vom Brutto“ Initiative. Ich erinnerte mich, wie diese und einige andere unglückliche Aktionen zum Rücktritt vom Parteivorsitz und letztlich zu seinem Rückzug aus der Politik führten.

Einmal begegnete ich Guido Westerwelle auf einer recht überschaubar besuchten Veranstaltung an der Nordakademie in Elmshorn im Vorfeld der Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Er war zu diesem Zeitpunkt noch Außenminister und wurde in dieser Rolle von den Medien als eher unauffällig und wenig staatsmännisch dargestellt. Auf der besagten Veranstaltung hielt er jedoch eine ergreifende Rede schwerpunktmäßig zum arabischen Frühling. Sie dauerte fast eine Stunde und ich saugte jedes einzelne Wort auf. Danach schüttelte er fast jedem im Saal die Hand und machte sich wieder auf den Weg zur Fraktion in Berlin. Ich war tatsächlich beeindruckt.

Zuletzt erinnerte ich mich an seinen letzten öffentlichen Auftritt bei Günther Jauch in November 2015. Dort war neben ihm auch sein behandelnder Arzt zu Gast und es wurde von guten Heilungschancen für seine Krebserkrankung gesprochen. Ich habe mir vor einigen Tagen diese bewegende Sendung noch einmal angeschaut. Am Ende wurde Guido Westerwelle gefragt, ob er sich nicht zu aktuellen Außen- und Innenpolitischen Themen, wie dem islamistischen Terrorismus oder der Flüchtlingsdebatte äußern wolle, was er allerdings ablehnte. Er hätte zwar dezidierte Meinungen, wäre aber gekommen, um über Krankheit zu sprechen. Für Äußerungen zur politischen Lage gäbe bei einem anderen Mal die Gelegenheit. So wie damals seine Ansichten zum Verlauf des arabischen Frühlings, hätte mich seine Meinung zu den aktuellen - offensichtlich besorgniserregenden - Entwicklungen in Europa wirklich sehr interessiert. Leider wird es dieses andere Mal aber nicht mehr geben.

Angela Merkel sagte am Ende der Trauerfeier, dass es schwer falle zu akzeptieren, dass es ihm nicht vergönnt sei, sein zweites Leben nach der Politik gebührend auszukosten. Nach all der Kritik und Häme, die er am Ende seiner Amtszeit einstecken musste, hätte er es in der Tat verdient gehabt. Ich kann verstehen, dass er von vielen aufgrund seiner speziellen Art nicht gemocht wurde. Ich habe ihn jedoch immer von der Seite gesehen, die ich hier versucht habe zu beschreiben. Für mich war Guido Westerwelle eine Identifikationsfigur.

Guido Westerwelle, Leukämie, Krebs, Trauerfeier

http://www.spiegel.de/fotostrecke/trauerfeier-fuer-guido-westerwelle-fotostrecke-135993.html

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