Gefahr ist gut

Donaudampfschifffahrtskapitänsmützenkordel – die deutsche Sprache macht es möglich. Hinter einer Schlechtwetterfront verbergen sich Starkregenereignisse, und die Besserverdiener und Leistungsträger dieser Republik leiden unter Anlagenotstand, weil die Zinsentwicklung nicht ihren Renditeerwartungen entspricht. Die meisten Komposita sind leicht verständlich, nur selten klingt ein Doppelwort widersprüchlich. Gefahrgut ist so ein Fall, denn Gefahr ist selten gut. Klar – es geht um das Gut, die Güter. Gefahrgütertransport, da weiß man eigentlich Bescheid.

Denkste! Die meisten Bürger hatten bis gestern keine Ahnung, dass auf unseren Straßen Gefahrgutoderschlechttransporter mit flüssigem Aluminium unterwegs sind. Am Sonntag kippte einer um und 800° heißes geschmolzenes Metall ergoss sich auf die A1 in der Nähe von Dortmund. Es setzte dort den Asphalt in Brand und fraß sich tief in die Fahrbahn. Richtung Norden ist die vielbefahrene Autobahn auf unbestimmte Zeit gesperrt, mühsam quält sich der Verkehr um und durch meine Heimatstadt.

Vor fünf Tagen verwüsteten mächtige Explosionen den Hafen von Tianjin, bisher wurden 114 Leichen geborgen. Mindestens 70 Menschen werden noch vermisst, es brennt weiterhin und das gesamte Ausmaß der Katastrophe ist nicht absehbar. Die chinesischen Behörden beschönigen und verschleiern die Lage nach Kräften, obwohl (oder weil) es im Hafenlager immer noch brennt und dort gigantische Mengen hochtoxischer Chemikalien lagerten. Nach Medienberichten waren darunter 700 Tonnen Natriumcyanid, das Dreißigfache der zulässigen Menge. Das Gift wird benutzt, um Gold und Silber aus Gestein herauszulösen, und reagiert heftig auf jeden Kontakt mit Wasser. Dann wird Blausäure frei, schon winzige Mengen sind tödlich. 3000 Helfer sind im Hafen von Tianjin im Einsatz, und ich beneide keinen von ihnen um den Einsatz bei diesem Himmelfahrtskommando.

Die Süddeutsche Zeitung zeigt schockierende Fotos von der Unglücksstelle. Wo das Chemielager explodierte, klafft nun ein riesiger Krater wie nach einem Meteoriteneinschlag. Erschütternde Bilder, wie zum Beweis für den menschlichen Hochmut und alltäglichen Irrsinn. Der Machbarkeitswahn kennt keine Grenzen, kein Halten. Größer, schneller, höher, weiter! Wir glauben, alles beherrschen zu können, und scheitern dabei immer wieder. Hier der Link zu den Bildern: www.sueddeutsche.de/panorama/katastrophe-von-tianjin-zerstoerung-wut-und-trauer-1.2609279

Den Satz „Das Hafengebiet von Tianjin sieht aus wie nach einem Atomangriff“ hörte und las man in den letzten Tagen ständig, der Vergleich drängt sich tatsächlich auf. Apropos, am 6. August jährte sich der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima zum siebzigsten Mal, Bilder von damals waren vorletzte Woche allgegenwärtig. Übrigens, am 10. August ging in Sendai der erste japanische Reaktor wieder ans Netz, nach der Katastrophe von Fukushima wurden in Japan bekanntlich sämtliche Kernkraftwerke abgeschaltet. Ach ja, und nicht weit von dem Atomkraftwerk liegt der Sakurajima, einer der aktivsten Vulkane des Landes, fast ununterbrochen kommt es dort zu Eruptionen. Wenige Tage nach dem Hochfahren des Reaktors warnten japanische Behörden vor einem bevorstehenden größeren Ausbruch. Menschen in der Nähe des Vulkans Sakurajima müssen sich auf Evakuierungen vorbereiten, hieß es letzten Samstag.

Sind das nur alberne Zufälle? Nicht alles hat einen Sinn, aber oftmals haben Ereignisse eine Bedeutung – das zumindest ist meine feste Überzeugung. Das Leben spricht eine ziemlich klare Sprache, bildhaft und eindrücklich. Aber viele von uns verhalten sich wie die berühmten drei Affen – nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Selbstverständlich können wir all jene drastischen Warnungen ignorieren, die uns mit zunehmender Häufigkeit vor Augen führen, dass unser Weg ins Verderben führt. Allerdings ändert das nichts an den Folgen, und der Preis fürs Schweigen und Wegschauen wird unermesslich hoch sein. Nur Handeln hilft, Verdrängen nicht.

Ist noch Zeit zur Umkehr, oder liegt der point of no return bereits hinter uns? Sind wir wirklich fest entschlossen, diesen wundervollen Planeten weiter zu vergiften, zu verwüsten, zu plündern und aufzuheizen, bis er schließlich für Zweibeiner unbewohnbar wird? Ganz nebenbei zerstören wir den Lebensraum unzähliger Tiere und Pflanzen, das geschieht meist aus Not, Dummheit oder Profitgier. Das Leben an sich können wir jedoch nicht vernichten, es wird weiter auf diesem Planeten existieren. Und sich langsam von der Menschheit erholen. Vielleicht erst Millionen Jahre, nachdem wir verschwunden sind. Aber was bedeuten in der langen Geschichte der Erde schon ein paar Millionen Jahre.

Hiroshima reloaded

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