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Generation Loss von Liz Hand

Mich interessiert das ja total, was aus so legendären Subkulturen eigentlich wird, nachdem sie untergegangen sind. Zum Beispiel die Hippies von einst, die dann zu dickbäuchigen, eiskalten und frustrierten Kapitalisten mutierten. Oder die Rock'n Roller, die heute in ihrer alkoholgetränkten Pension alten, längst funktionsuntüchtigen Musikboxen in versifften Gaststätten nachweinen und von niemand mehr verstanden werden. Oder: Die 1977er-Generation, was wurde eigentlich aus der? Noch viel rätselhafter allerdings war bisher für mich das Schicksal der verblichenen US-Postpunkbewegung. Also die Menschen, die damals nach der legendären Amerika-Tour der Sex Pistols (vergleichbar der "Invasion" der Beatles ein Jahrzehnt früher) jene unfassbare Explosion primitiv-genialer Fuck You-Musik im New Yorker CBGB's miterlebten. Die Musiker von damals (deren tragische Geschichte man unbedingt in Legs McNeils genialer Oral History "Please Kill Me" nachlesen sollte) wie der heroingeschwängerte Johnny Thunders und die New York Dolls oder die gesamte, originale Ramones-Besetzung sind ja schon längst kaputtgegangen, soll heißen, verstorben. Was aber wurde aus den Fans? Das ist ein grosses Thema in Elizabeth Hands fantastischem Thriller Generation Loss. Denn die Hauptprotagonistin Cass Neary ist eine Veteranin jener Zeit, mit innerlichen und äusserlichen Narben. Übrigens eine zärtliche Untertreibung, denn Neary ist schwerst gezeichnet - zum einen von ihrem Versagen als semi-berühmte Fotografin, deren Werke nun niemanden mehr interessieren; zum anderen als Mensch, was seinen Ursprung in einer schrecklichen Vergewaltigung mit schweren Verletzungen in einer finsteren Hintergasse in einem der miserablen Viertel der Millionenmetropole New York hat. Und, so erfahren wir in der Biographie auf der Homepage der Autorin Elizabeth Hand, noch dazu ist das keine literarische Erfindung. Sowohl die Perspektivenlosigkeit nach den drogenverrauschten Jahren, als auch die entsetzliche Erfahrung des gewaltsamen Mißbrauchs fußen auf wahren Erlebnissen; das intensiviert den dunklen Grundton des Buchs noch einmal ordentlich. Denn dark im nicht durch lächerliche Heavy Metal-Möchtegern-Bösewichte verwässerten Sinn ist die Erzählung der Ereignisse in "Generation Loss" allemal. Cass Neary ist kein Mensch zum Liebhaben, schon gar nicht zum Bedauern; ihr Gebaren mit einer Mischung aus Gefühlskälte, Hass, Neid und Gier lässt die bisher für mich beeindruckendste "kaputte" Romanfigur Lisbeth Salander aus Stieg Larssons Millenium-Trilogie wie ein unschuldiges Schulmädchen wirken. Um einen vermeintlichen Auftrag zu erfüllen und damit wieder ein bisschen Geld und vielleicht Ruhm ergattern zu können, reist Cass Neary auf eine Insel im Bundesstaat Maine und strandet in der schlimmsten Bedeutung des Wortes - nicht nur stellt sich ihr Auftrag als Illusion heraus, als hanebüchene Idee eines ehemaligen Freundes und Arbeitgebers, sondern Neary wird auch noch in einen mysteriösen Mordfall verwickelt, an dem sie aufgrund ihrer miesen Charakters nicht ganz unschuldig ist. Das monumentale Finale lässt das menschliche Wrack dann auch noch auf einen Bösewicht der besonderen Art treffen - auf einen verrückt gewordenen Guru nämlich, der die Schuld an einem vollkommen schiefgegangenem Kommunenexperiment der Flower Power-Ära trägt. So treffen die verkommenen Überreste von alkohol- und drogenverseuchten Rocknächten auf noch etwas viel schlimmeres, auf das dunkle, irrlichternde Überbleibsel des überaus naiven Jahrzehnts von Peace and Love, welches mit Charles Manson, Helter Skelter, den Mind Control-Experimenten der CIA, den Morden an Martin Luther King, John F. Kennedy und seinem Bruder sowie der Tötung eines Konzertbesuchers durch die Hell's Angels bei einem Konzert der Stones in Altamont sowieso eines der gewalttätigsten Jahrzehnte in der Geschichte der USA überhaupt war. Das ist ungefähr so, als würde ein wahnsinniger Beelzebub auf einen noch verrückteren Mephistopheles treffen. Ein gewaltiger, böser, finsterer Roman, dessen Sogkraft man sich keinefalls entziehen kann. Am besten in einem Rutsch durchlesen und dazu Ramones hören, mit "Now i wanna sniff some Glue".

Roman über Postpunk