Get on the peace train

Nach all den kritischen Kommentaren zur Lage der Nation, den ständigen Diskussionen unter Verwendung der neuen Kampfbegriffe wie „Nazi“, „Gutmensch“, „Wirtschaftsflüchtling“ usw. und gerade angesichts aktueller, beunruhigender Meldungen in Sachen Grenzkontrollen: Hier eine kurze Szene vom Wochenende, die vielleicht ein bisschen positiv stimmt.

Samstagmorgen, ca. 8 Uhr. Nach einer langen Nacht auf St. Pauli stehe ich an der S-Bahnstation Reeperbahn mit eher mieser Laune und will eigentlich nur noch nach Hause, als ich unerwartet Zeugin eines Spektakels werde, das, wie ich finde, eine gewisse Aussagekraft hat.

Hier in Hamburg gibt es einen stadtbekannten Rastafari (ob er wirklich dieser Religion angehört, weiß ich nicht, aber einige äußere Anzeichen deuten stark darauf hin). Dieser Typ ist immer mit einer Art Sackkarre unterwegs, auf der er eine tragbare Anlage transportiert. Diese nutzt der Rastamann dazu, die Umgebung mit sehr gutem Reggae (und ich stehe eigentlich nicht sonderlich auf Reggae) zu beschallen. Wohin dieser Typ auch kommt, sorgt er mit seiner Musik und seiner fröhlichen und tiefenentspannten Art für gute Stimmung. So auch an besagtem Samstagmorgen.

An der S-Bahnstation hat sich also um diesen Mann und seine Musik schon eine kleine Traube tanzender Menschen verschiedenster Couleur und Herkunft gebildet, die schnell die Aufmerksamkeit aller auf die Bahn wartenden Passagier*innen auf sich zieht. Die Bahn kommt, der Rastafari und seine Sackkarre steigen ein, der tanzende Haufen hinterher. Im Abteil geht die Party weiter, ausgelassene Stimmung und dabei vom Feinsten friedlich, beides zusammen sonst eher selten nach durchfeierten Nächten im öffentlichen Nahverkehr.

Leute stehen spontan von ihren Sitzen auf und feiern mit. Niemand stört sich dran, keiner pöbelt rum, keiner denkt dran, diesem überraschenden Ausbruch von Unbeschwertheit ein Ende zu bereiten. Auch die Leute, die auf ihren Plätzen sitzen bleiben, grinsen bald über das ganze Gesicht, einige klatschen, irgendjemand ruft: „Ihr seid Hamburg!“ Applaus und Zustimmung, alles ist gut. Die schlechten Meldungen der letzten Wochen sind vergessen, wenigstens eine S-Bahnfahrt lang sind wir alle nur Menschen, die zusammen feiern und sich freuen, dass sie am Leben sind – für einige der Passagier*innen keine Selbstverständlichkeit, wie ich im Lauf der Fahrt erfahre.

Ich komme mit einem Jungen aus Gambia ins Gespräch, der das Spektakel ebenfalls verblüfft beobachtet. Er strahlt übers ganze Gesicht. „Never seen anything like this before“, sagt er. Ich auch nicht, sage ich. „Almost feels like the last night on earth.“ Komischerweise habe ich genau dasselbe Gefühl, hätte allerdings nicht die richtigen Worte dafür gefunden. In diesem Abteil will jetzt allerdings keiner an morgen denken.

Kurz bevor ich aussteige, erzählt mir ein Äthiopier, ohne dabei mit dem Tanzen aufzuhören, dass er und seine Freunde in der Nacht Neujahr gefeiert haben und deshalb so lange unterwegs waren. In Äthiopien schreiben wir übrigens jetzt das Jahr 2008. Wie wenig man doch über die Welt weiß.

Der Äthiopier sagt, das neue Jahr wird gut, da sei er sich ganz sicher. Er sagt das mit so viel Überzeugung, dass ich ihm das einfach glauben will. Wir geben uns die Hand und wünschen uns ein frohes neues Jahr, dann steige ich aus. Nennt mich einen naiven Hippie, ist mir egal. Aber den ganzen restlichen Nachhauseweg lang habe ich gedacht: Ja, so könnte es ja auch immer sein. Warum eigentlich nicht. Peace out^^

Flüchtlingsdebatte