Ging die endgültige Schlacht um eine demokratische Türkei letzte Nacht verloren? - Eine Twitter-Exkursion

Das Jahr 2016 bedeutet für die türkische Gesellschaft ein Jahr der Strapazen und anhaltender Krisen. Mit dem Versuch eines Putsches durch Teile des Militärs in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli erreicht die Situation ihren bisherigen Zenit. Die traurige Bilanz einer tragischen Nacht ist das Ableben von über 200 Menschenleben und die Zahlen werden stetig nach oben korrigiert.
Nach einer sorgfältigen Durchsicht der beklemmenden Bilder, drängte sich mir und anderen durchschnittlichen Westeuropäern die Frage auf, warum die türkische Bevölkerung mit so überwältigender Präsenz hinter ihrem amtierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan steht. Denn, wer Medienrechte beschneidet, Richter absetzt, Parteien sabotiert und Menschenrechtsverletzungen en masse provoziert, verrrät bei uns die Ideale einer freiheitlichen Demokratie.
Bei Nachfrage auf Twitter wird man einem verbalen Kugelhagel von Erdogan-Fetischisten ausgesetzt, der jegliches, sachliches Argumentieren als unmöglich erscheinen lässt. Nur Recht vage und selten lässt sich ein Teilargument am Diskussionshorizont erahnen und nur wenige betrachten das aktuelle Zeitgeschehen. Es wird damit argumentiert, dass Erdogan ja den wirtschaftlichen Aufschwung in Gang gesetzt habe und für Verbesserungen im türkischen Gesundheitssystem gesorgt habe. Recht offenkundig ist jedoch die Parallele zu einem uns bekannten Österreicher, der auch durch demokratische Wahlen an die Macht gelangte und dann die Demokratie beschnitt um den gesamten Globus in Angst und Schrecken zu versetzen.
Gegenargumente, wie besagte Beschneidung der Pressefreiheit prallen an der mentalen Schutzmauer Regierungstreuer ab und führen zu keiner nennenswerten Reaktion.

Nach dieser Exkursion in den Äther und zumindest einer versuchten Neutralität meinerseits, komme ich zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die türkische Demokratie nun mehr denn je in Gefahr ist. Erdogan wird immer mehr zu einer autöritären Herrscherfigur und optimiert das Staatssystem auf seine Vorteile hin. Doch, wie so oft, kann ein Umbruch nur von innen heraus erfolgen. Der Mensch muss selber nach Freiheit streben und sich der selbstverschuldigten Unmündigkeit entziehen. Komisch, dass selbst 200 Jahre nach der Aufklärung, deren Gedanken noch nicht in jedem Kopf Früchte zu tragen scheinen.

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