Globaler Idealismus -> allgemeine Weltresignation

Man kennt das ja, und es wurde in Bezug auf Facebook ja hier auch schon das eine oder andere Mal angesprochen: Irgendein blödes Selfie wird gepostet – 50 Likes oder so. Etwas Wichtiges, zum Beispiel gute Musik oder eine Petition – so gut wie keine Reaktionen. Da will ich mich selbst gar nicht ausnehmen.

Gerade mit den Petitionen ist es ja auch so eine Sache. Wie wohl einige von Euch habe ich täglich 2-3 neue Aufforderungen in meinem Postfach: Rettet dies, schafft jenes ab, jetzt oder nie, sonst war's das mit der Welt oder zumindest mit einer Spezies im Regenwald, und es sind ja auch nur ein paar wenige Klicks, also bitte. Trotzdem unterschreibt man ja längst nicht alles, obwohl das meiste bestimmt sinnvoll wäre, wie man sicher auch einsehen müsste, wenn man die Zeit bzw. Lust hätte, sich die entsprechenden Aufforderungen durchzulesen.

Ja, dank der Petitionsflut im Posteingang wird einem immer wieder verdeutlicht, wie schlimm es auf unserem Globus eigentlich aussieht. Einigermaßen deprimierend, wenn man das zu nah an sich rankommen lässt. Also schnell in den Papierkorb mit dem Elends-Spam! Und sich dabei ein bisschen schuldig fühlen, aber nicht allzu lange, denn man hat ja eigentlich genug mit seinem eigenen Zeug zu tun. Ja, ich gebe zu, ich bin ein schlechter Mensch, u.a. was das betrifft. Meistens jedenfalls.

Hin und wieder gibt es aber in unserer emotional abgestumpften Welt der unbegrenzten ungewollten Informationen doch mal eine Sache, die mich so aufregt, dass ich die unglaubliche Schwelle von drei Klicks auf mich nehme, um eine dieser Petitionen zu unterschreiben. Zuletzt im Fall des „Kots Kaal Pato“-Festivals auf Yucatán, bei dem lebende Tiere verschiedener Spezien wie Piñatas aufgehängt werden, damit vor allem Kinder so lange mit Stöcken auf sie einschlagen können, bis nichts Interessantes mehr passiert.

Ja, Mexiko ist weit weg und anderswo verhungern Menschen, ich weiß. Aber die Beschreibung dieser grausamen und auch kulturell durch nichts begründeten Tradition war an diesem sowieso misanthropischen Tag einfach zu viel für mich. Und nachdem ich innerlich ein bisschen gekotzt und ein paar Tränen verdrückt hatte, habe ich die Petition einer Frau aus Cancún unterschrieben und entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten sogar bei Facebook geteilt. Die Reaktionen waren wie erwartet spärlich, aber wie mir change.org mitteilte, haben immerhin 2-3 Facebook-Kontakte die Petition ebenfalls unterschrieben. Danke an dieser Stelle dafür.

Dann habe ich das Piñata-Bild und die Petition erst mal eine Weile verdrängt bzw. vergessen. Bis ich vor einigen Tagen eine Nachricht in meinem Posteingang fand, die verkündete, dass man in Yucatán tatsächlich auf die Petition reagiert und das Festival abgeschafft habe (s. Referenz). Strike!!

Es geht also doch – manchmal jedenfalls, was mich darin bestärkt, dass es zumindest für mich mehr bringt, sich für verhältnismäßig kleine, erreichbare Ziele einzusetzen, anstatt einen globalen Idealismus zu betreiben, der doch oft nur in allgemeiner Weltresignation endet, die dann wiederum dazu führt, dass man komplett die Lust verliert, sich jenseits des eigenen Dunstkreises überhaupt noch für irgendwas zu engagieren. Und davon hat ja auch keiner was.

Petitionen

https://www.change.org/p/lebende-tiere-sind-keine-piñatas-beenden-sie-das-grausame-tierquäler-festival-in-mexiko/u/16040489