Go f*** your Selfie

Seit vier Jahren bin ich nun ein - sagen wir- relativ aktiver User bei
Facebook. Meine Freundesliste beschränkt sich auf eine recht
überschaubare Menge von rund 130 Freunden, alles Menschen, die ich ausnahmslos persönlich kenne. In regelmäßigen Abständen teile ich Beiträge, eine Mischung aus Youtube-Links zu Songs (sofern die GEMA es mir erlaubt) , mit denen ich aktuelle Stimmungen und Gegebenheiten auszudrücken versuche und - da ich der geborene Fettnapf und darüber hinaus einfach ein Tollpatsch mit unweigerlich miesem Karma bin - kleine Anekdoten aus meinem Leben.

Darüber hinaus bin ich Mutter eines sechsjährigen Sohnes.
Da es sich hierbei um mein eigen Fleisch und Blut handelt und ich
gleichermaßen stolz wie belustigt von ihm bin, tut es mir manchmal tatsächlich sogar nahezu leid, dass ich seine Privatsphäre so wehement schütze und ich es mir verkneife, die im Grunde tagtäglich entstehenden Medien zu posten, die seine einzigartige Persönlichkeit in Bild und Ton festhalten. Dennoch nehme ich Abstand davon, ihn zum Zwecke des Entertainments auf Facebook zu missbrauchen. Während ich also in einer Art und Weise, wie ich mir Unterhaltung und kritische Auseinandersetzungen in einem sozialen Netzwerk wünsche, eine entsprechende Art der Selbstdarstellung betreibe, sehe ich täglich in meinem Newsfeed nicht nur die Beiträge sondern besonders die Likes öffentlicher Beiträge meiner Freunde und Freundesfreunde und es scheint mir, als dass diese überwiegend aus Baby- und Kinderfotos oder aber aus bis zur Unkenntlichkeit mit Instagram &. co auf sweet and nice getrimmte Selfies zu handeln scheint. Sex sells und Babys und darüber hinaus
natürlich pseudopolitische Meinungen, aktuell z.B. zur Flüchtlingsdebate, zu der plötzlich jeder eine (eigene?) Meinung hat. Es sind nicht die Inhalte selbst, die mir neben Instagram-
Duckfaces und Babys via Yoko, Claas und Till Schweiger bis ins kleinste Atömchen geteilt um die Ohren fliegen, welche mich entsprechend beunruhigt stimmen, sondern die paradoxe Mischung aus Oberflächlichkeit und poltischer Meinungsäußerung.
Ende Juni diesen Jahres z.B. wurde die Homo-Ehe in den USA offiziell anerkannt und plötzlich schwamm jedes anderthalbte Profilbild im Zeichen der Toleranz und Anerkennung auf der regenbogenbunten Welle, während ich für mein in diesem Zuge aktualisiertes "Je suis Charlie"-Profilbild genau drei Likes einheimste. Drei Likes für ein Bild, das ein halbes Jahr vor der Homoehe noch auf uneingeschränkte Solidarität mit mindestens
zweistelligen Likes wertgeschätzt worden wäre, wird heute höchstens noch als verstörend fehl am Platz empfunden.
So (schnell) ändern sich die Zeiten.

In einem Selbstversuch habe ich heute - für mich entsprechend untypisch, ein übertrieben niedliches, mit Instagram beabeitetes Duckface-Selfie als Profilbild gesetzt. Innerhalb zwei Stunden erhielt ich mit 18 an der Zahl eine überdurchschnittliche Menge Likes, völlig unverhältnismäßig zu meinen sonst üblichen Profilbildern, welche in der Regel -ich möchte behaupten- nicht völlig unterdurchschnittlich attraktiv aber überwiegend originell ausfallen. Erschreckend.

Aus jenem Selbstversuch schließe ich das nachfolgende Fazit: Ich breche nicht mit Facebook, aber für meinen individuellen, kritischen und vor allem qualitativ hochwertigen Meinungsaustausch nutze ich ab sofort Whicee.

Der Facebook-Selbstversuch

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