Grenzen der Verhüllung

Man kommt ja derzeit an keinem Zeitungsständer und keinem Internetportal mehr vorbei, ohne dass einen eine Stellungnahme zum Thema des Burka-Banns, also richtig ausgedrückt dem Verbot der Vollverschleierung, anschreit, und auch der übliche Mechanismus greift. Die Befürworter bringen ihr Unwohlsein zum Ausdruck, und die Gegner machen sich über sie lustig. Lustig finde ich das schon lange nicht mehr, und zwar vor allem, weil es sich hier wieder einmal um eine Phantomdebatte handelt, in der versucht wird, einen nicht greifbaren Gegner mithilfe von erkannten Symptomen anzugreifen, was, wie jeder denkende Mensch zugestehen wird, überhaupt nichts bringen wird. Aber das ist, wie so oft, in der Hitze des Gefechts egal, Hauptsache, man hat was getan.

Abgesehen davon ist der Schrei nach dem Verbot der Burka natürlich auch zu einem großen Bestandteils fremdenfeindlich bestimmt und entspringt der Ablehnung dessen, was als fremd wahrgenommen wird. Ich kann mich in dieser Hinsicht nur wundern über die Diskussion über die Burkinis und die darauf aufbauenden Verbote in Frankreich. Dies mit Hygiene zu begründen ist ein hilfloser Versuch, Fremdenfeindlichkeit zu ummänteln und ihr eine legitime Verkleidung zu verpassen. Für mich sind nicht Burkinis das Problem, sondern die dahinter stehende Geisteshaltung. Für mich besteht das Problem in dem männlichen Begleitschutz, der Touristen angreift, weil sie Bilder von den Badenden machen, und für mich besteht das Problem ebenfalls darin, dass die Tagesschau über die darauf folgenden Schlägereien berichtet, ohne zu erwähnen, von dem denn die Gewalt ausging.

Allen Leuten, die jetzt aber glauben, sich über diese Diskussion lustig machen zu müssen, indem sie Vergleiche zur Nonnentracht, der Badekleidung vor einem Jahrhundert oder dem Nikolauskostüm anstellen, sollten sich klar machen, dass keines dieser Kleidungsstücke eine offene Ablehnung unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Selbst eine Nonne bringt zwar durch ihre Tracht zum Ausdruck, dass sie sich entschieden hat, anders zu leben, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht allen anderen Menschen das Recht zugesteht, so zu leben, wie sie leben wollen. Genau das ist der Unterschied. Eine Frau, die sich die Burka anzieht, geht davon aus, dass alle, die sie nicht tragen, von ihrem Gott verflucht sind. Das sind nicht die Nachbarn, mit denen ich zusammenleben möchte.

Aber ehrlich, und tut mir leid. Das Verbot der Vollverschleierung bringt gar nichts. Wenn man etwas gegen Nazis tun will – mit denen möchte ich auch nicht zusammenleben - verschafft es einem vielleicht ein gutes Gefühl, wenn man die Symbole der Nazis verbietet, aber es ändert nichts an der Denkweise der Nazis, und es verkleinert auch nicht die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Wenn man Burka-tragenden Frauen verbietet, vollverschleiert in der Öffentlichkeit zu erscheinen, wird man sie dadurch nur in ihre vier Wände zurückdrängen, aber man wird nichts an ihrer Denkweise ändern. Man verschärft die Konfrontation, ohne irgendetwas zu ihrer Lösung beizutagen.

Wenn man etwas gegen Islamisten und ihre Sympathisanten tun will, also alle, die sich hier aufhalten, obwohl sie die westlichen Gesellschaft für die Ausgeburt des Bösen halten, die abgeschafft gehört, dann könnte man vielleicht damit anfangen, ihnen die Symbole zu verbieten, mit denen sie dies zum Ausdruck bringen, aber man muss doch eingestehen, dass das überhaupt nichts bringt, solange man die Adressaten, also die Islamisten und ihre Sympathisanten, nicht entweder argumentativ erreicht oder aus unserer Gesellschaft entfernt. Man wird sie nicht argumentativ erreichen, weil in ihrer Geisteshaltung all das, was nicht im Koran vorgeschrieben ist, „haram“, also verflucht, ist, weil sie sich in der westlich-offenen Gesellschaft nach eigener Sichtweise in Feindesland befinden, und weil es Imame und Prediger in ausreichender Anzahl gibt, die sie darin bestärken. So zu denken ist ihre Kultur. Sie aus unserer Gesellschaft zu entfernen, wäre vielleicht effektiv, aber rechtlich problematisch und technisch unmöglich.

Ich bin kein Jurist, und von daher habe ich auch keine Ahnung, wie der juristische Standpunkt hierbei ist. Abgesehen davon ist es mir eh lieber, die Eingriffsmöglichkeiten des Staates in die Rechte des Einzelnen so sparsam wie möglich zu gestalten. Der alte Spontispruch „Heute die, morgen Du“ beschreibt die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit am Besten. Ich bin Liberaler, und von daher ist mir klar, dass ich nicht alles verbieten kann, was mir nicht gefällt, und dass ich vor allem auch nicht alles verbieten sollte, was mir gefällt. Das ist im Grunde auch ein Ausdruck der Toleranz, wenn ich anderen Menschen das Recht zugestehe, so zu leben, wie sie leben wollen, solange sie keine Gesetze verletzen und mich nicht in meiner persönlichen Freiheit einschränken.

Und hier stellt sich das Problem. Die Burka ist nur ein Symptom, aber sie beschreibt einen grundlegenden Konflikt, der alleine durch das Verbot der Burka nicht gelöst ist. Die Burka, die Vollverschleierung, ist in jedem Fall ein Ausdruck der Abgrenzung, ein klares Statement der Zweiteilung der Welt in Rechtgläubige und Kuffar. Eine Frau, die sich voll verschleiert, sagt damit ganz klar, dass sie keinen Kontakt zu Menschen wünscht, die anders sind als sie. Dieser Frau vorzuschreiben, wie sie sich zu kleiden hat, ist pures Herumdoktern an Symptomen, da man damit die Geisteshaltung, die sie umtreibt, nicht angreift, solange man die Werte, die sie vertritt, nicht konfrontiert. Man bekämpft nicht das Phänomen, das sie abbildet, solange man als Gesellschaft nicht klarstellt, dass es keine Toleranz geben kann für jene Menschen, die Toleranz nicht selbst praktizieren – und dies, ob sie dies nun durch ihre Kleidung zeigen oder nicht.

Burka-Verbot

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