Herzlich willkommen am Pranger

Wer noch ein mehr zum Thema 'Shitstorm' lesen möchte, dem sei an dieser Stelle Jon Ronsons Buch "So You Have Been Publicly Shamed" ans Herz gelegt. Leider ist das Buch bis dato noch nicht ins Deutsche übersetzt, wer aber des Englischen einigermaßen mächtig ist, kann sich das Buch bedenkenlos zu legen.


Ronson ist ein Vertreter des Gonzo-Journalismus und beschäftigt sich vorwiegend mit Randthemen der Gesellschaft. Ihn dürfte die ein oder andere von "Männer die auf Ziegen starren" kennen. In diesem Buch widmete sich der Autor militärischen parapsychologischen Forschungsprogrammen. In seinem literarischen Repertoire befinden sich außerdem Bücher zum Themenbereich Psychopathen und Verschwörungstheorien, er scheut aber auch nicht davor zurück, über Robbie Williams zu schreiben. Ronsons Stil ist locker und unterhaltsam und so kann es schnell passieren, dass man seine Bücher an einem Tag weg liest. Ich nenne Ronson gerne den Louis Theroux der schreibenden Zunft, weil er sich auch mit eher unliebsamen Mitbürger*innen trifft, sie zu Wort kommen lässt und es der geneigten Leserin überlässt, ihr eigenes Urteil zu fällen.

In seinem letzten Buch nahm sich der Autor dem Phänomen 'Shitstorm' an. Ronson hat für dieses Buch die verschiedensten Menschen interviewt. Viele standen plötzlich an einem öffentlichen, manchmal weltweiten, Internetpranger standen. Vielleicht kennt jemand ja auch den Fall Justine Sacco? Angestellte einer PR Firma in New York tweetete sie kurz vor ihrem Urlaub: "Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!". Dieser (geschmacklose) Tweet löste eine Kettenreaktion aus und Justine verlor ihren Job.
Ronson beleuchtet dabei das Phänomen des Online-Shaming von mehreren Seiten, so spricht er zum Beispiel auch mit Angestellten einer Firma, die sich darum kümmern, unliebsame Spuren im Netz zu verwischen. Aber auch ein Richter kommt zu Wort, der Online-Shaming als ein Strafmittel nutzt.
Obwohl Ronson für das menschliche Rudel verhalten auch nur Erklärungsversuche liefern kann, bietet das Buch doch genügend Raum, sich eigene Gedanken zum Thema zu machen. Schaffen wir wirklich eine Kultur, in der Menschen sich konstant beobachtet fühlen und Angst davor haben müssen, sie selbst zu sein? Und heißt das nicht im Umkehrschluss, dass wenn wir uns im Netz bewegen, wir bloss nicht anecken sollten, um dem öffentlichen Pranger zu entgehen? Gibt es aber nicht auch Situationen, in denen ein Shitstorm berechtigt erscheint? Wie viel Freiheit verträgt die Meinungsfreiheit eigentlich?

Auch wenn das Buch nicht alle diese Fragen beantworten kann, ist doch auch nach seiner Lektüre klar, dass es manchmal einfach besser ist die Off-Taste des Computers zu drücken, als mit dem Cursor auf 'Send' zu gehen.

Shitstorm

http://www.theguardian.com/books/2015/mar/15/publicly-shamed-jon-ronson-is-shame-necessary-jennifer-jacquet-review-think-before-you-tweet