Horden von Arschlöchern

Ich saß heute Mittag am Schreibtisch, in einem Browser-Tab ein Livestream zu Merkel in Heidenau, und versuchte, zu schreiben. Es lief nicht. Vor und nach dem kurzen Pressestatement kamen Berichte zur Flüchtlingssituation in Griechenland, Calais und Nordafrika, zur Nacht in Heidenau, zur repressiven Flüchtlingspolitik von Australien und UK. Ich fühlte mich wie gelähmt. Mir war klar, dass ich etwas dazu schreiben wollte, musste. Kann man gerade überhaupt NICHT über dieses Thema schreiben?

Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, Europas verfehlter (oder besser: fehlender) Umgang mit den Geflüchteten, Willkommens-Kultur und -Unkultur in Deutschland – es ist nicht denkbar, sich nicht daran aufzureiben. Dass viele Menschen hier mit Emotion dabei sind, stammt aus einem unguten Gefühl: Aus dem Gefühl, dass unsere Gesellschaft auf einer Lüge basieren könnte. Die Lüge wäre, dass das Einstehen für Menschenrechte nicht verhandelbar ist und Hilfe selbstverständlich; dass „das Fremde“ nicht immer das Böse ist und wir Menschen ohne Ansicht von Hautfarbe und Religion respektieren; und auch, dass wir geläutert aus dem Zweiten Weltkrieg und dem „Drittem Reich“ gingen, mit dem teuer bezahlten Wissen darum, wohin extreme Liebe zu Nation, „Volk“ und „Rasse“ führen kann.

Wenn das die Lüge wäre, dann wäre die Wahrheit, dass ein Großteil der Deutschen „die Ausländer“ hier nicht haben möchte – wozu im Zweifelsfall auch hier geborene Menschen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass zählen, denn diese Deutschen definieren ihr „Volk“ gerne rassistisch. Ebenfalls Wahrheit wäre, dass viele unserer Mitmenschen kein Problem damit hätten, Menschen abzuweisen, „zurück“ zu schicken oder gar anzugreifen, die vor Kriegsgewalt und lebensbedrohlicher Diskriminierung geflohen sind und wortwörtlich nichts haben. Vor meinen Augen erscheint mir manchmal das Bild eines Verdurstenden, dem an der Haustür ein Glas Wasser verwehrt wird mit der Begründung, der Kubikmeter wäre gerade zwei Cent teurer geworden.

Das darf nicht wahr sein. Das denke ich und zum Glück viele, viele andere Menschen auch. Anja Reschke forderte einen neuen „Aufstand der Anständigen“. Ich hoffe inständig, dass das passiert. Oft aber überwiegt das Gefühl der Lähmung und Passivität angesichts von empathielosen, unreflektierten, provinziellen, neidischen, rassistischen Horden von Arschlöchern.

Und dann, nach einem echten Scheißtag, lese ich einen wunderbaren Comment hier bei Whicee, in dem Johannis Jappen seine Scham und Empörung ausdrückt und den Vorschlag macht, das selbsternannte „Volk“ auf eine Reise zu schicken in die Krisengebiete dieser Welt. Trocken, satirisch und gleichzeitig todernst. Ich musste schmunzeln und dann schlucken, denn solche Erfahrungen wünscht man eigentlich niemandem. Eigentlich.

Flüchtlingselend und Fremdenhass