Hunger Games - London 2020

Mein Freund Alex geht zurück nach Griechenland. Er hat seinen Job in der Buchhandlung gekündigt und wird am Freitag den Flieger nach Athen nehmen. Sieben Jahre hat er in London gelebt. “Warum bleibst Du nicht in London?”, habe ich gefragt, “Jetzt, wo die Zukunft in Griechenland so ungewiß ist?”. “Das Leben hier ist zu hart”, antwortete Alex.

Über die Arbeit habe ich auch Stevey kennengelernt. Mittlerweile ist er seit zehn Jahren in London. Hauptberuflich schreibt er Theaterstücke und dieses Jahr hat er sogar einen Förderpreis gewonnen. Zwei seiner Produktionen haben es sogar ins West End geschafft. Manchmal stiehlt er Essen, weil es bei ihm finanziell hinten und vorne nicht passt.

James, mein Partner, hat einen Doktor. Nebenher hat er auch eine Lehrerqualifikation gemacht, und er hat neben dem Studium gearbeitet. Heute war James erster Tag in der Buchhandlung, in der auch ich arbeite. Zwanzig Stunden die Woche wird er dort arbeiten, das zahlt zumindest seinen Teil der Miete. Leider bleibt kein Geld für Essen übrig. Von den Fahrtkosten will ich nicht sprechen. Natürlich hat er sich auf andere Sachen beworben, aber bis jetzt hagelte es nur Absagen. Tatsächlich haben alle Menschen, mit denen ich im Buchladen arbeite, ihre Abschlüsse an guten Universitäten gemacht. Es war nur in den falschen Fächern: Geisteswissenschaften sind nun mal nicht direkt verwertbar für die Wirtschaft.

Wie wir überleben? Naja, James hat eine Freundin - Amanda hilft gerne anderen Menschen. Sie hat James in den letzten zwei Monaten Geld geschenkt, nicht wenig, aber in ihren Augen auch nicht viel. Es ist wie im Mittelalter, wir haben jetzt eben auch einen Gönner. Das Sozialamt ist nämlich nicht sonderlich gönnerhaft: James verdient zu viel, um Leistungen zu beanspruchen und weder seine noch meine Eltern sind reich genug, uns finanziell unter die Arme zu greifen.

Kein Wunder, dass ich lachen musste als ich neulich zu einem Konzert gegangen bin und der Sänger der deutschen Band gesagt hat, wie geil London doch im Vergleich zu Berlin sei. Yo, es ist schon geil hier, man weiß gar nicht, was man machen soll, weil soviel passiert. Und dann diese Geschichte! Obendrauf trifft man viele interessante Menschen, Künstler und verkrachte Existenzen. Das ist der Teil, den ich an London liebe. Warum ich hier nicht weg möchte. Ein bisschen wie im Fernsehen halt.

Aber dann ist da noch der Moloch, der dich frisst. Einer der Gründe dafür ist die Wohnungsknappheit. Es gibt in London nicht genügend Wohnraum und Mietverträge sind generell nur auf ein Jahr beschränkt. Daher steigen die Mietpreise kontinuierlich, obwohl Löhne schon seit Jahren stagnieren. Eigentlich bräuchte es 40.000-50.000 neue Wohnungen pro Jahr, um zu gewährleisten, dass Zuziehende in London ein Dach über dem Kopf haben. Allerdings wurden letztes Jahr nur 18.260 neue Wohnungen gebaut. Natürlich nutzen die Mieter*inen diese Situation aus. Wie der weise, dicke Mann schon sagte: "Die spinnen, die Briten!".

Als ich nach London gezogen bin, hatte ich das Glück in Bethnal Green zu wohnen. Brick Lane, angesagt und trendy, war nur 15 Minuten Fußweg von meiner Haustür entfernt. Ich zahlte umgerechnet rund 700 Euro für 14 qm2. Dafür hatte die Toilette keine Waschbecken, und wir haben uns die Zähne in der Küche geputzt. Überall sah man Schimmel in der Wohnung. Der Vermieter, darauf angesprochen, rechtfertigte sich: “Ihr wohnt für rund £500 Pfund pro Person in einer angesagten Gegend. Das ist ein Schnäppchenpreis. Ich habe die Miete seit zwei Jahren nicht mehr angezogen. Wenn Ihr das behoben haben wollt, dann müsst ihr auch mehr zahlen.”

Heute wohne ich etwas weiter außerhalb. Die Wohnung hat 50 Quadratmeter und wir zahlen so um die 1.400 Euro. Auch hier seh ich Schimmel und die Armaturen im Badezimmer funktionieren auch nicht mehr richtig. Allerdings haben wir es bis jetzt nicht unserer Vermieterin gesagt, weil das letzte Mal, als sie das Dach nach einem Wasserschaden reparieren musste, hat auch sie die Miete angezogen. Wir würden gerne hier bleiben, wir haben hier Freunde*inen gefunden und können uns mehr Miete einfach nicht leisten. Wenn Leute aus Berlin über steigende Mietpreise reden, dann lache ich herzlich. Und verspreche mir heimlich, vielleicht doch noch in diesem Jahr nach Berlin zu ziehen.

Leute, die in schlecht bezahlten Jobs arbeiten (ja, ich meine Leute wie mich, die anderen Bücher verkaufen. Oder die hier putzen oder morgens um sechs Kaffee verkaufen), werden es sich nicht mehr leisten können in London zu leben. Das betrifft nicht nur Leute aus bildungsfernen Schichten, sondern auch Menschen mit einer soliden akademischen Ausbildung. Die Chancenungleichheit wächst und wird die Gesellschaft weiter destabilisieren und könnte zu sozialen Unruhen führen. Hunger Games anyone? Meine Hoffnung ist, dass selbst die konservative Regierung, die gerade erst wieder ins Amt gewählt worden ist, dies erkennen wird und sich zum Handeln gezwungen sehen wird. Schon allein, um im Amt zu bleiben und neue Klassenkämpfe zu vermeiden. Let the games begin.

London Wohnungskrise

http://www.theguardian.com/uk-news/2015/jun/29/goodbye-london-moving-to-brighton-house-prices