Ich bin eine Rabenmutter

Ich möchte behaupten, mein Sohn wuchs und wächst liebevoll und behütet auf. Ich liebe diesen kleinen Mann abgöttisch, seit dem Moment, als ich ihn zum ersten Mal als abstrakten Punkt auf einem schwarzweiß-Foto sah und trage seit seiner Geburt mein Herz ausßerhalb meines Körpers. Ich möchte ihn um nichts in der Welt mehr missen. In der Schwangerschaft habe ich weder geraucht noch getrunken und das Kind bis zum 5. Monat gestillt, später habe ich die ekeligsten Sachen für ihn pürert und danach souverän sein Erbrochenes weggewischt. Aus Panik vor dem plötzlichen Kindstod setzte ich damals sogar das sogenannte "Anglecare"-System - ein hochsensibler Sensor im Kinderbett, das die Atembewegung des Kindes überwacht- ein. Heute ist mein Sohn ein Erstklässler, trotzdem wird das Fernsehprogramm kritisch vorselektiert, wir pflegen nachwievor abendliche Vorleserituale und der Kleine ist nicht nur jede albtraum- oder fiebergeplagte Nacht herzlich willkommen in meinem Bett.

Darüber hinaus kann ich allerdings an einer Hand abzählen, wie oft ich in vier Kindergartenjahren für irgendwelche Events Kuchen gebacken habe. Mein großzügigster Beitrag war wohl das lieblose Herstellen von 20 Kinderloopschals für einen Kindergarten-Bazar. Ich habe mich weder zur Wahl des Pflegschaftsvorsitzenden gestellt, noch habe ich mich an der Wahl beteiligt und ich bin auch keinem Förderverein beigetreten. Da ich zu der unorganisierteren Kategorie Mensch gehöre, erntete ich auch regelmäßig böse Blicke der Erzieher, die sich um fünf Minuten ihres wohlverdienten Feierabends betrogen fühlten, wenn ich ihn zu spät abholte und eines Tages habe ich mal in Eile meine Zigaretten und das Pausenbrot in die jeweils falschen Taschen einsortiert und den Kleinen versehentlich mit ins Büro genommen, anstatt ihn vorher am Kindergarten abzusetzen.

Im Grunde werde ich seit seiner Geburt das Gefühl nicht los, eine Rabenmutter zu sein. Dieses Gefühl beschleicht mich auch, wenn ich bei mittlerweile ebenfalls familiär gewordenen Freunden Sonntags um 15Uhr zu Kaffee und Kuchen in ihren perfekten, heimischen Einrichtungshäusern zu Besuch bin. Beim Grillen mit anwesenden Schwangeren bin ich offenbar die einzige Mutter, die nichts für Gespräche über Dammmassage und Geburtspositionen übrig hat. Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass die Natur bei mir ein Gen vergessen hat, das mich sämtliche Babys auf der Welt niedlich finden lässt. Offen gesagt, den meisten kann ich nichts abgewinnen.

Manchmal hasse ich mich für die Überforderung, die ich verspüre, wenn meinem gerade windelfreien Kleinkind sein Geschäft mitten im Supermarkt dabenen geht, nachdem es zuvor lautstark verkündete, dass Frauen keine Menschen sind. Wie habe ich früher die Sorte Mütter verachtet, die ihre Teddyaugen-kinder im Supermarkt ungeduldig und harsch anfahren, weil diese in meinen Augen doch lediglich zuckersüß um ein Eis betteln, bis ich selbst hilflos mitansehen musste, wie mein Kind trotz Eisverbot versuchte, ein Calippo aus der Truhe an der Kasse zu angeln und dabei hineinfiel und in Panik die halbe Ware zertrampelte.

An Tagen wie diesen liege ich Abends im Bett und verfluche mich für meine Wehmütigkeit und den Wünsch, mein vergangenes, kinder- und verantwortungsloses Leben wiederhaben zu wollen. Das, als ich noch der einzige Terrorist war, der über meinen Tagesablauf bestimmte. Dann vermiss eich die Zeiten, als ich Tabletten in der Wohnung liegenlassen und das gesamte rtl2-Vokabular runterfluchen konnte, wenn mir die Flasche Wodka aus dem Kühlschrank fiel und auf dem Boden zerschellte.

Die Bier-und-Döner-Phase Samstag Nachts um drei praktiziere ich heute überwiegend mit meinen kinderlosen Freunden. Natürlich, diese Eskarpaden sind seltener, werden vorausschauender geplant und meistens hält sich die Eskalation in Grenzen. Aber sie finden statt und dieses verhalten polarisiert so sehr, dass ich mich dabei erwische, mich dafür zu rechtfertigen, dass ich von Geburt meines Kindes an nebem meinem Mutterdasein das Ich-Dasein pflege und genieße und ich ernte herabwürdige Blicke, wenn ich sage, dass in meinem Auto Kinderliederverbot herscht und mein Kind in Freundebücher "WIZO" als seine Lieblingsband schreibt. Die darauf folgenden Diskussionen enden immer wieder mit dem Gefühl, eine Rabenmutter zu sein und ich frage mich: Steht es mir wirklich nicht zu, den Gedanken laut auszusprechen, dass ich genervt bin, dass ich mir das so nicht vorgestellt habe, dass es trotz "Traumjob" Tage gibt an denen ich mit einer "Kündigung" phantasiere? Bin ich nur die Einzige, die es ausspricht oder bin ich wirklich die Einzige Mutter die Welt, die denkt: "Ich fühle mich gleichermaßen beschenkt wie beraubt."?

zwischen grenzenloser Mutterliebe und Selbstverrat

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