Ich habe bereits gewonnen

Als ich von diesem Contest erfuhr, war ich zunächst Feuer und Flamme. Nicht mal wegen der Chance auf einen Gewinn, sondern weil ich meinem Natuerell entsprechend immer viel zu sagen habe, aber bedauerlicherweise meistens zu wenig Zeit für eine strukturierte Meinungsäußerung (wie der folgende Text beweist). Doch gib mir ein Thema vor und mein Kopf will das zuende denken.

Beim "(Un-)Wort des Jahres" schossen mir sofort Unmengen von Begriffen in den Sinn. Aber welcher war denn nur DER Begriff? Der, der mich in diesem Jahr am meisten tangierte?

Erster Gedanke: Minions.
Boah, wie ich sie hasse! Sie verfolgen mich, überall. Auf Joghurtbechern, Auf den Hutablagen aller Twingos der Stadt, in der Tankstelle: Minions-Wunderbäume, meine heißgeliebte Törööö-Torte verschwindet heimlich aus den Eistruhen deutscher Supermärkte, einfach ersetzt durch Minions-Torten. Banana-Flavour, doppelt schlimm. Aber der Teufel steckt im Detail: Hasse ich die Minions? Nee, ich hasse den Mainstream, diese einfallslose Vermarktung der einst einfach unverbesserlich originellen Viecher. Das Wort "Minions" ansich allerdings.. nicht wirklich ein Unwort. Eher ein Eigenname.

Ich begann also unbewusst meine Facebook-Timeline kritisch nach Unwörtern zu selektieren, Begriffe die in mir Genervtheit auslösen. Davon gibt's ne Menge. Competitions z.B., bei denen andere User nominiert werden, an unsinnigen "Challanges" teilzunehmen. Gleich drei Unwörter in einem Satz. Wet-T-Shirt-Contest und das für einen guten Zweck. Wie hieß noch gleich die Krankheit, die wir hierdurch endlich geheilt haben? Ach ja, Ebola.
Aber Vielleicht war das auch letztes Jahr, ich bin grade nicht sicher. Egal, denn in 2015 haben Millionen User bestimmt auch wieder irgendwas Nachhaltiges gestartet. Für Wikipedia gespendet zum Beispiel (Hab ich übrigens auch, 5 EUR, weil mich der Spendenaufruf (next Unwort) so genervt hatte, dass ich idiotischerweise annahm, ich hätte ihn hiermit besiegt).
Als Fördermitglied erhält man übrigens ab einer jährlichen Spende von 100 Euro eine gratis-Stofftasche UND den kostenlosen Newsletter.
Also dier Spendenaufruf ging, das nächste Unwort folgte. "Cookies" Auf jeder Seite, überall Cookie-Hinweise. Der Tod des Webdesigners. Aber Wikipedia, Cookies, Challanges, Minions, repräsentiert das ein Jahr?
Ich lasse also weiter Revue-passieren. Was gab's denn da noch so? "Homo- Ehe". Klar, liebt wen ihr wollt, für mich selbstverständlich, und auch gut fürs Image, die bunte Fahne der Toleranz im Profil. Love and Peace. Ach Apropos, je suis Eiffelturm. Und ein ganzes Land trauert. Offen gesagt, ich nicht. Trauer. Ein Wort, das mir grade auch sauer aufstößt. Ich bin bedrückt und verunsichert und ja, ich gebe zu, ich habe Angst! Aber traurig machen mich andere Dinge. Eigene Verluste oder Schicksale der Menschen (und Tiere), die ich kenne, die ich liebe. Ich traure nicht um Menschen, die ich nicht kenne - Tut mir leid. (über diese Floskel muss ich auch nochmal nachdenken.)
Und weiter im Weltgeschehen. Präsenter geht es nicht: Um den Terror und die Flüchtlings-Debatte kommt wohl niemand bei seinem Jahresrückblick herum, Das wohl dominanteste Unwort hier: "Wirtschaftsflüchtlinge", ein grausames Wort, das man nicht mal denken darf, nicht mal im Einzelfall. ich vermute, dass "Wirtschaftsflüchtlinge" auch das offizielle Unwort 2015 werden wird.
Offiziell.
Moment, da klingelt was.
Und plötzlich werden mir zwei Dinge klar:
1. Warum suche ich eigentlich überhaupt ausschließlich im medialen Bereich? Warum nicht in meinem eigenen, ganz persönlichen Leben? Berühren mich die Medien, die Focus Online Push-Benachrichtigungen und alles, was auf Facebook, Twitter und Co. passiert, tatsächlich mehr als das, was in meinem Alltag, in meinem engsten Umfeld, in meinen eigenen vier Wänden abgeht? Da läuft doch was schief!

2. Was soll das eigentlich sein, ein "Unwort"?
Um zu einem Unwort zu werden, muss es ja erstmal grundsätzlich ein Wort sein, und wenn mich DAS dann nervt, dann erst wird es zum Unwort. Warum suche ich also unbewusst ausschließlich nach "Unwörtern"? Warum nicht erstmal nach Wörtern, ganz wertungsfrei?

Also nochmal von vorne.
Januar 2015 bis Dezember 2015.
12 Monate,
mein Leben.
Was ist denn da passiert? Ein paar Päckchen hab ich auch mitgenommen. Aber verglichen mit den letzten Jahren waren wirklich bloß Erdnüsse drin.
Ich habe endlich wieder gezeichnet. Ich habe 1000 phantastische Garnelen gegessen, Ich habe mein Kind eingeschult. Ich stand am Meer. Ich hatte Zeit mit meinem Vater. Ich habe neue Freunde ge- und alte wiedergefunden und ich habe einen konkreten Zukunftsentwurf entwickelt, auf den ich mich freue. Bei all dem hatte ich den wunderbarsten Menschen der Welt an meiner Seite und das war nicht selbstverständlich.
Dieses Jahr, hab ich zweifelsohne einfach Glück gehabt.
Wenn ich also dieses Jahr mit einem Wort zusammenfassen müsste, liegt es auf der Hand: Hier ist es also, mein Wort(!) des Jahres:

"GLÜCK".
Auf ein Neues!

MEIN (UN-)WORT DES JAHRES