Ich kann kaum, wenn ich muss

Dann will ich hier auch mal meinen Senf zum Thema "Morgenmuffel" absondern. Ich finde es nämlich gar nicht übel zuweilen, wenn man früh aufstehen kann, ohne es zu müssen. Und mein Körper weiß das. Ich werde regelmäßig Zeuge davon. Seine freien Tage nicht halb zu verpennen, so man nicht sowieso vorhat, sie bis in die Morgenstunden zu verlängern, wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Weil man eh kaum noch eine Wahl hat.

Eigentlich bin ich ja Nachteule vom Naturell her. Und als ich mich noch auf dem zweiten Bildungsweg und der Uni rumtrieb, wurden die Nächte regelmäßig zum Tage. Aber das Arbeitsleben erlaubt das in der Regel nicht mehr. Man braucht seinen Schlaf. Sonst droht schnell Zombifizierung. Also muss man seinen Frieden schließen mit dem Tageslicht, in dem das Leben nun mittlerweile größtenteils stattzufinden hat. Trotzdem fällt es mir schwer früh aus den Federn zu kommen, wenn ich muss. Ich bin dann wie gerädert, übelgelaunt und bewege mich nah an der Soziopathie. Sprich mich nicht an! Erzähl mir nichts! Erspar mir bloß deine von Aufbruchstimmung durchtränkte gute Laune! Ein "Guten Morgen!" gleicht einer Kriegserklärung.

Mein Handywecker rabatzt um 3:15 Uhr los und ich stopfe ihm mindestens noch zweimal das Maul, bis der Haufen Elend, der meinen Namen träg, sich aus der Wärme und Geborgenheit der Laken schält und zunächst noch ne gute halbe Stunde auf dem Pott zubringt, wo Jammertal und Todessehnsucht dann allmählich abklingen. Das hat schon was von sanfter Geburt. Erst liegt man noch, aber die Schlummerfunktion des Weckers kurbelt den Kreislauf bereits ein wenig an. Von der liegenden geht's dann in die sitzende Haltung. Das ist schon ein bisschen anspruchsvoller für das Herzkreislaufsystem. Und schließlich erhebt sich der traurige Koloss von der hoffentlich segensreichen Huldigung der Keramik, putzt sich die Zähne und duscht. Man könnte also sagen ich pflege eine lange Anlaufphase. Den ersten Kaffee schütte ich dann erst vor Arbeitsantritt in mich hinein und es gilt auch für mich: Er heilt die erste tiefe Wunde, die das Aufstehenmüssen in meine Seele schlug. Ab hier bin ich nicht mehr soziopathisch. Und ich brauche nur noch bis zur Pause, um vom gemäßigten Misanthropen allmählich zum akzeptablen Kollegen zu mutieren.

Am Wochenende dann komplett verkehrte Welt. Ich erwache in der Regel schon sehr früh und alle Systeme stehen auf "GO!" Ich kann nicht mehr schlafen, beginne am Handy herumzuspielen und stehe dann auch schon bald auf. Als hätte ich Hornissen im Hintern. Keinerlei Müdigkeit, die Laune ist sofort okay bis sehr brauchbar und ich werde voraussichtlich niemanden töten, der mir einen guten Morgen wünscht.

Weil ich aufstehen kann, aber nicht muss.

Sogar wenn es am Abend zuvor recht spät wurde, hält es mich nicht allzu lange in der Waagerechten am nächsten Morgen. Da fragt man sich dann schon manchmal woran das liegt. Was ist so beschissen am Arbeitsleben, dass der Körper sich Wochentags so verzweifelt an "Todesbruder" klammert und alles an Strategien auffährt, um dich in einen schwer angeschlagenen Jammerlappen zu verwandeln, der das Aufstehen gefühlt gerademal knapp überlebt und das Liegenbleiben und auf alles zu scheißen so naheliegend und vernünftig erscheinen lässt?

Am Wochenende wird gelebt. Unter der Woche mehr so überlebt.

Besonders tragisch ist es, wenn es einem dann noch nichtmal gelingt ein ordentliches Ei in die Keramik zu pflanzen. Aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag. Vielleicht.

Morgenmuffel

lealexsax.ch