"Ich rauche gern" - oder auch nicht.

Meinen Opa kannte ihn nur als einen dauerhustenden, gebrechlichen Mann, der den ganzen Tag auf dem Sofa in seinem kleinen Zimmer saß, aus dem Fenster guckte und sich einen Cigarillo am anderen anmachte. Bronchien und Lunge waren durch das Kettenrauchen schon extrem geschädigt, wegen seiner Kurzatmigkeit konnte er nur noch ein paar Schritte gehen und hat die Wohnung Jahre lang nicht verlassen. Naiv wie ich war, habe ich in diesen letzten Jahren oft auf Opa eingeredet, dass er das Rauchen doch endlich lassen soll. Ich konnte nicht verstehen, warum er das trotz seiner offensichtlich schweren Krankheit nie in Erwägung gezogen hat. Er ist gestorben, als ich zehn war, an einem Lungenemphysem. Der Weg bis dahin war lang und qualvoll, und ich habe viel davon gesehen.

Trotzdem habe ich drei Jahre später meine erste Zigarette geraucht, Marlboro, nach der Schule an der Bushaltestelle. Eine Freundin hat sie mir angedreht, weil sie nicht alleine rauchen wollte, und nach einigem Widerstand rauchte ich mit - es war ja schließlich nur eine, und diese Freundin war ziemlich hartnäckig. Hinterher kam die Panik, was mein Vater sagen würde, wenn er den Rauch riechen würde. Wie viele Eltern wollte er mir und meinen Geschwistern den Führerschein bezahlen, wenn wir es schafften, bis dahin nicht zu rauchen, aber ich hatte vor allem Angst vor seiner Enttäuschung und seinem Entsetzen - verständliche Reaktionen angesichts dessen, dass seine beiden Elternteile an den Folgen des Kettenrauchens gestorben sind.

Trotzdem sagte ich auch beim nächsten Zigarettenangebot meiner Freundin (die die Kippen praktischerweise immer aus dem elterlichen Laden klauen konnte) nicht nein. Eigentlich nur, weil ich mich nicht anstellen wollte. So ging es dann eben weiter. Heute würde ich sagen, ich war innerhalb weniger Wochen mehr oder weniger abhängig.

Natürlich habe ich mir geschworen, nie selbst Zigaretten zu kaufen, aber die Reize des Rauchens hatten mich schnell überzeugt: Man machte etwas Verbotenes, rebellierte gegen die ökofizierte Erziehung der Eltern, und hatte auch immer was in der Hand, wenn man irgendwo sinnlos warten musste.

Letzteres ist bis heute eins der Hauptmotive für mein Laster. Weitere sind: Strukturierung des Tages durch regelmäßige „Belohnung“, „Entspannung“ in Stresssituationen und allgemeine Kommunikationsförderlichkeit, zumal fast alle meine Freund*innen ebenfalls rauchen. Wer raucht, hat immer was zu tun. Man hat auch immer einen Grund, um sich aus Veranstaltungen auszuklinken und kurz „an die frische Luft“ zu gehen, wo man oft auf gleichgesinnte Sozialflüchtlinge trifft, mit denen man bei einer schönen Zigarette dann auch direkt ein Gesprächsthema hat.* Der Genuss von Kaffee, gutem Essen, Alkohol und Sex wird ebenfalls erst mit Zigarette vollendet, jedenfalls in meiner suchtgeformten Welt.

All diese Pseudogründe sind lächerlich im Gegensatz zu den finanziellen und gesundheitlichen Schäden, die das Rauchen verursacht. Das ist mir völlig klar, aber ich höre trotzdem nicht auf. Auf meine Gesamtlebenszeit gesehen bin ich inzwischen länger Raucherin als ich vorher Nichtraucherin war. Unverständnis, Ekel und Verachtung gegenüber meinem Laster sind für mich gewohnt und (gerade aufgrund oben erwähnter Geschichte) nachvollziehbar, bringen aber nichts, egal wie aggressiv man sie äußert. Das hat nichts mit Disziplinlosigkeit zu tun, sondern schlicht und einfach mit Sucht. Und die ist, genau wie z.B. auch Depression (daran Erkrankten wirft man ja auch gerne mal Disziplinlosigkeit vor...), leider eine Krankheit und keine Charakterschwäche.

Sucht ist immer stärker als jedes Argument. Mein Gehirn ist komplett auf Rauchen programmiert. Sterben muss man sowieso und kann man jederzeit an irgendwas - dieses Mantra habe ich seit Jahren voll internalisiert. Deshalb gehen mir die Warnhinweise meiner Mitmenschen genau wie die auf den Zigarettenschachteln mehr oder weniger am Arsch vorbei, so wie es wohl den meisten Raucher*innen geht. Ich kultiviere mein Laster weiter, leidenschaftlich bis leidenschaftslos.

Die meiste Zeit denke ich dabei nicht an Lungenemphyseme, Krebs, Raucherbeine, Schlaganfälle, Unfruchtbarkeit oder die Euros, die ich täglich in Teer verwandle, der mir auf lange Sicht die Lunge verkleben und womöglich den Garaus machen wird. Aber manchmal eben doch, und dann frage ich mich, warum ich eigentlich so bescheuert bin. Ja, ich bin krank im Kopf, und das weiß ich auch. Aber ich bin nicht alleine. Und vielleicht höre ich ja auch bald auf. Meine Lunge sagt, es wäre schon so langsam an der Zeit. Versuchen will ich es zumindest mal wieder, bald. Vielleicht ja nächstes Jahr.

* Übrigens rauche ich, wie viele meiner Suchtgenoss*innen, grundsätzlich NIE in geschlossenen Räumen, in denen sich Kinder, Kranke, Schwangere oder sonstige Nichtraucher*innen befinden. In Autos, Wohnungen usw. ebenfalls nicht, nicht mal in meiner eigenen, und in öffentlichen Räumen ohne Rauchverbot auch nur, wenn sowieso alle rauchen und meine Zigarette den Kohl auch nicht mehr fett macht.

Rauchen

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