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Ich selfie, also bin ich

Jeden Herbst kommen in Berlin besonders fleißige und kluge Menschen zusammen, Produktentwickler und Marketingspezialisten. Sie haben jahrelang getüftelt, gewerkelt, gegrübelt und geplant, um uns Konsumenten auch weiterhin mit praktischen Neuheiten und wundervollen Erfindungen zu beglücken. Es ist keine leichte Aufgabe, Menschen, die eigentlich schon alles haben, ständig Geld für Verbesserungen, Zusatzfunktionen, neue Nutzungsmöglichkeiten und vor allem für Zeitgewinn (immer mehr Geräte, mit denen man Zeit sparen kann, benötigen kaum noch Zeit zur Bedienung) aus der Tasche zu locken. Um Trends zu setzen oder zu verstärken, gibt es Messen (zufällige Namensähnlichkeit mit katholischen Gottesdiensten, es wird nicht um das Goldene Kalb getanzt), und die IFA ist ein wichtiger Treffpunkt für Händler und Produzenten. Was gab’s also Neues in Berlin?

Vor allem vernetzte Haushaltsgeräte. Das Netz der Dinge, ganz große Sache! Wer keine Haushälterin hat, ruft einfach die Heizung an. Die füttert die Katze, gibt durch, wie es den Kindern geht, ob der Poolpfleger gekommen ist und wie lange sich die Nachbarin oben ohne im Garten gesonnt hat (Video optional). Bald kann man mit Staubsauger oder Wäscheschleuder sogar Telefonsex haben (sie kennen die persönlichen Vorlieben und sind verschwiegen), oder manfrau lässt sich unterwegs auf dem Smartphone den leeren Kühlschrank von innen oder das Bullauge der Waschmaschine beim Schleudergang anzeigen. Wow, alles Dinge, die ich schon immer mal tun wollte!

Beeindruckt haben mich außerdem auf der IFA – die Abkürzung hatte früher mal mit Funk zu tun, bedeutet heute aber Idiotenkram für Angeber – Waschmaschinen mit zwei unterschiedlich großen Trommeln (eine kleine oben, falls man mal nur einen Pullover waschen will) und noch gigantischere Kühlschränke. Sie haben so große Displays, dass man seine Lieblingsfilme zukünftig im Stehen in der Küche ansehen kann. In den neuen Modellen ist auch genug Platz, um zwei Kinder und einen Hund einzusperren, falls manfrau mal ein bisschen Ruhe braucht. Praktisch, aber menschenrechtstechnisch etwas heikel, diese Funktion also bitte nicht länger als fünf Minuten nutzen. Das Netz der Dinge wird garantiert The Next Big Thing, alternativlos und mindestens so unverzichtbar wie 8-Spur-Audiokassetten und der Wankelmotor.

Der zweite Schwerpunkt der Messe liegt auf Selfiezubehör. Und – heute schon ein Selfie gemacht? Diesen Monat schon? Wann zuletzt? Schon mal ein selfie gepostet? Wer jetzt nicht wenigstens einmal genickt hat, ist es wahrscheinlich ein Außerirdischer. Sieh dich bitte kurz im Spiegel an, bevor du weiter liest. (Falls du ein Alien bist, schau in dein Handbuch. Befolge die Anweisungen in Kapitel 17 "Scheiße, ich bin ein Alien!")

Als ich vor einigen Jahren erstmals Selfiestangen sah, dachte ich zuerst: "Fangen die Kids jetzt auch schon mit dem dämlichen Nordic Walking an?" Aber dann erkannte ich asiatische Touristen, viele von ihnen mit dem ausziehbaren Diener für selbstverliebte Individuen, Paare und Kleingruppen. Der Selfiestick, das ideale Hilfsmittel insbesondere für Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Und dieser Markt boomt, hier gibt es neue Entwicklungen, Unvorstellbares wird möglich und ist bald jedermann zugänglich. Alle Menschen werden immer schöner, und wer schön ist, will es auch zeigen. Am liebsten ständig. Selfiestangen sind out, so gestrig wie Karottenjeans, Bundeswehr-Parkas und Autos ohne Zentralverriegelung. Was ist denn nun der richtig heiße Scheiß?

Ich will euch nicht länger auf die Folter spannen. Wer sich wirklich geil findet und meint, das möglichst oft dokumentieren zu müssen, hat die Qual der Wahl. Entweder ein Roboter oder eine Drohne. Für etwa 200 € gibt es einen Roboter, den man darauf programmieren kann, eine Person ständig zu umkreisen, drinnen wie draußen. Dabei schießt der hirnlose Helfer möglichst viele Fotos. Einfach das Smartphone anklemmen und los geht's. Das ist die Low-Budget-Lösung.

Wenn Papis hübsches Töchterchen ein bisschen mehr Geld ausgeben darf, fangen die Drohnen bei etwa 1000 € an. In Zeiten, in denen kaum noch ein Radfahrer ohne Kamera am Helm unterwegs ist, sind 360°-Bilder aus jeder beliebigen Position für solch einen fliegenden Zauberspiegel ein Klacks. Der Markt für Drohnen wächst unaufhaltsam, im US-Bundesstaat North Dakota bekommt die Polizei demnächst Drohnen, die mit nicht-tödlichen Waffen wie Taser, Pfefferspray, Tränengas oder Gummigeschossen bewaffnet sind. Aber ich schweife ab. Selfiedrohnen umfliegen Menschen (vorwiegend weiblichen Geschlechts) und machen Fotos. Für Facebook, Instagram und wasnichtalles. Automatisch. Toll, nicht?

Nicht toll? Du willst nicht, dass jeder Hans und Franz, jede Shaneese und Rhilana sich eine ferngesteuerte fliegende Kamera kaufen kann? Dann hoffe und bete. Wenn nämlich die rasant rotierenden Rotorblätter einer Drohne versehentlich das süße Stupsnäschen (Geschenk von Papi zum 16. Geburtstag) einer selbstverliebten Nachwuchs-Paris
Hilton in blutige Scheiben säbeln, ist bestimmt bald Schluss mit lustig. Amerikanische Richter sprechen ungerührt Schmerzensgeld in Milliardenhöhe zu, das wird die Drohnenbranche hoffentlich in die Knie zwingen.

So, das war's für heute. Muss dringend mal lesen, was mein Kühlschrank mir auf WhatsApp geschrieben hat, und dann kriegt der Toaster noch ’ne neue Firmware aufgespielt.

Drohnen für den Hausgebrauch