Ich war ein Gutmensch

1998 ging ich für vier Monate nach Nepal, um dort in einer Leprastation als Freiwilliger zu arbeiten. Bis an die Haarwurzeln voll mit gutem Willen und im besten Vertrauen, meine Zeit und Energie für einen wirklich sinnvollen Zweck einzusetzen, kam ich im Januar in Kathmandu an. Es dauerte allerdings nicht lange bis klar war, dass ich – genauso wie viele andere Freiwillige – belogen und betrogen wurde. Die deutsche Staatsanwaltschaft ermittelte nämlich schon seit 1995 gegen die Vorstände jenes gemeinnützigen Vereins, für den ich nach Nepal reiste. Die Vorwürfe: Spendenbetrug in sechsstelliger Höhe sowie Medikamentenversuche an Schutzbefohlenen mit Todesfolge. Durch extrem gute Beziehung gelang es den Vereinsvorständen, das Ermittlungsverfahren endlos zu verschleppen, bis es schließlich eingestellt wurde. Begründung: Alles schon lange her, weit weg und vergleichsweise geringe Schuld. Ein Film, den unabhängigen deutsche Journalisten über die Zustände in dem Lepraprojekt drehten, wurde nie ausgestrahlt. Alle Sender winkten ab, nach dem Motto "Wenn man über die schwarzen Schafe berichtet, schadet das den guten Organisationen."

Fast genauso gutgläubig und blauäugig, wie ich damals nach Nepal reiste, gründete ich mit Freunden 1999 den Verein HOPE e.V. 13 Jahre lang engagierten wir uns in Nepal, dem ärmsten Land Asiens. Insgesamt etwa 10.000 Menschen profitierten von dieser Arbeit, durch die ein gutes Dutzend Schulen, vier Gesundheitsstationen, fünf Trinkwasserprojekte und eine Brücke entstanden. Außerdem bildeten wir eine große Anzahl von Frauen aus, boten Kurse von Lesen und Schreiben für Anfänger bis zu qualifizierten Berufsausbildungen.

Den Verein gibt es seit drei Jahren nicht mehr, die Webseite http://hope-net.de allerdings immer noch. Unter AKTUELL finden sich Bilder und Berichte aus den vergangenen Jahren. Warum wir aufgehört haben? Erstens war ich es satt, jedes Jahr einen kleinen Tropfen Wasser auf einen riesigen heißen Stein fallen zu lassen, um das leise Zischen dann für die Ohren potentieller Spender möglichst laut zu verstärken. Nepal gehört zu den zehn Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, und viele Probleme der Dritten Welt werden hier bei uns, in den Industriestaaten, verursacht. Es macht wenig Sinn, an den Symptomen herumzudoktern, wenn die Ursachen nicht angegangen werden. Zweitens übernahm Dirk Niebel (FDP – der Mann mit der Landsermütze und dem Teppich aus Kabul, aber ohne jede Sachkenntnis) das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, mit dem wir bislang erfolgreich kooperierten. Außerdem befindet sich Nepal seit dem Volksaufstand von 2006 (Ende von elf Jahren Bürgerkrieg und der Monarchie) politisch im Stillstand. Bis heute hat die junge Republik keine gültige Verfassung, weil inkompetente, machtgeile und korrupte Politiker es verhindern. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme und die Tatsache, dass niemand im Vorstand meinen Job machen wollte. Genug Gründe, oder?

Trotzdem engagiere ich mich jetzt wieder für Nepal, ehrenamtlich. Mehrere der Schulen, die wir bauten, sind durch die Erdbeben vom April und Mai schwer beschädigt oder zerstört worden, leider auch zwei Trinkwasserprojekte. Wasser ist lebensnotwendig und Bildung der Schlüssel zur Entwicklung, besonders in einem rückständigen Land wie Nepal. Zusammen mit der DNG –Dachorganisation deutscher NGOs, die in Nepal arbeiten – und Practical Action (Sitz in Großbritannien, aber in vielen Drittweltländern tätig, darunter seit Jahrzehnten in Nepal) werden Schulen repariert oder neu gebaut und Gemeinden wieder mit Wasser versorgt.

Wohin manfrau sein Geld geben soll, wenn manfrau spenden möchte? Darauf gibt es keine leichte Antwort. Transparenz ist wichtig (sind detaillierte Jahresberichte und Bilanzen für jedermann online einsehbar?), Größe ist kein Qualitätskriterium (oftmals leisten Organisationen der Graswurzelbewegung effektivere Arbeit, zahlen bescheidenere Gehälter, haben kleinere Büros und nicht die dicksten Autos) und der Wirkungsgrad ist entscheidend. Das viel gepriesene Gütesiegel des DZI bekommt, wer weniger als 30 % des Spendenaufkommens für Werbung und allgemeine Öffentlichkeitsarbeit ausgibt. Rechnet man Miete, Gehälter, Reisekosten etc. hinzu, wird oft weniger als die Hälfte der Spenden für gute Taten ausgegeben. Außerdem kostet das Siegel mindestens 500 € pro Jahr, eine NGO mit 500.000 € Spenden blecht fast 2000 € für das Siegel.

Weltweit setzt das AID-Business jährlich etliche Milliarden Dollar um, unzählige gut bezahlte Jobs hängen von Spenden ab. Jobs in den reichen Industrieländern und Jobs in klimatisierten Büros in den Hauptstädten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Not und Katastrophen – so auch die Erdbeben in Nepal – sind sozusagen Konjunkturprogramme für diese Branche. Sollte man also nicht spenden? Keineswegs, auch ich unterstütze regelmäßig vor allem kleinere Organisationen. Meine Meinung: Finger weg von den großen Zusammenschlüssen, die abends nach den heute-Nachrichten oder der Tagesschau eingeblendet werden. Haltet es so wie Kat Hacheney, recherchiert und macht euch schlau. Und im Endeffekt sind 100 €, von denen nur die Hälfte Menschen in Not zugute kommen, immer noch besser als gar nichts. Wir leben im Überfluss und sind meiner Meinung nach moralisch zu Großzügigkeit verpflichtet. Geiz ist nicht geil, Geiz ist schäbig. Teilen macht froh und tut gut. Sowohl dem, der gibt, als auch denen, die empfangen.

Hier noch die Links zur Deutsch-Nepalischen Gesellschaft www.deutsch-nepal.de
und zu Practical Action http://practicalaction.org/nepal

charity

http://www.theguardian.com/books/2015/aug/20/doing-good-better-william-macaskill-review