Inshallah...

Ich bin ja normalerweise wählerisch, was neuere Literatur betrifft, speziell wenn sie dazu tendiert, aktuelle Zeitströmungen aus Sicht eines Intellektuellen abzubilden. Sehr oft enden solche Versuche in eine kaum endenden und weinerlichen Selbstreflektion, die darauf hinausläuft, dass die Welt nicht in der Lage ist, den Protagonisten zu verstehen. Michel Houllebecqs „Unterwerfung“ bietet in dieser Hinsicht alle Möglichkeiten, aber erfreulicherweise werden diese Möglichkeiten nur in solch einem Maße genutzt, dass sie die erzählte Geschichte tatsächlich unterstützen.

Das Thema des Buches wurde ja in den Medien bereits gestreift. Bei den französischen Präsidentschaftswahlen stehen sich in der Stichwahl die Kandidatin des Front National und der Kandidat einer muslimischen Partei gegenüber, die Sozialisten und schließlich auch die Konservativen sehen keine andere Möglichkeit, als den Bewerber der muslimischen Partei zu unterstützen, und dieser macht sich in der Folge daran, zuerst das Bildungssystem, dann die Wirtschaft und schließlich die EU nach seinem Bilde zu unterstützen. Durchaus ein Was-wäre-wenn-Spiel, dass eines gewissen Realitätsbezugs nicht entbehrt.

Beispielsweise der medienmäßige Umgang mit den Ereignissen im Vorfeld der Wahl, als die von der Regierung gesteuerten Medien jegliche Berichterstattung über Unruhen einstellen, um den Rechten keine Unterstützung zu liefern. Beispielsweise die Haltung der Universität bereits vor der Wahl, die der muslimischen Bruderschaft in den Räumen der Universität freie Hand lässt, während den jüdischen Organisationen der Zutritt verwehrt wird. Auch die jüdische Migration nach Israel, die in Frankreich tatsächlich bereits zahlenmäßig erfassbar ist, spielt eine Rolle.

In dieser ganzen Entwicklung findet sich ein Professor der Literaturwissenschaft (gerade lustig für mich als Literaturwissenschaftler, der den Sprung in den Bildungsbetrieb nicht geschafft hat) wieder, der zuerst versucht, die Entwicklung zu ergründen und schließlich keine andere Möglichkeit sieht, als sich treiben zu lassen, und die abrupte Islamisierung des Bildungswesens nach der Machtübernahme durch den islamischen Präsidenten nahezu sprachlos verfolgt. Fragen werfen für mich die Tatsachen auf, dass die französische Rechte ab diesem Zeitpunkt auf einmal nicht mehr stattfindet, und dass weite Kreise der französischen Intelligenz nach und nach auf die Seite des Islam wechseln, selbst wenn dies durch einen der Hauptakteure durchaus anschaulich durch eine gefühlte Überlegenheit des Islam über den Katholizismus begründet sowie durch materielle Vorteile begleitet wird.

Ist eine solche Entwicklung, wie sie von Houellebecq geschildert wird, realistisch? Bis zu einem gewissen Punkt könnte man das sogar bejahen, denn es ist durchaus vorstellbar, dass die etablierten Parteien, falls sie in die Enge getrieben werden, auch mit einer islamischen Partei koalieren würden, anstatt den Rechten an die Macht zu verhelfen. Allerdings ist die darauf folgende Islamisierung des Bildungswesens und der Gesellschaft in dieser Form für mich nicht vorstellbar. Vielleicht unterscheidet dies die deutsche von der französischen Gesellschaft. Vielleicht haben wir zwar den Laizismus nicht so eindeutig in unserem Staatswesen verankert wie die Franzosen, aber eine generelle Abwesenheit von Religion und Gottesbezug in politischen Debatten charakterisiert doch den gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland.

Dem entsprechend halte ich einen solchen gesellschaftlichen Turnaround, wie in Houellebecq schildert, bei uns für wenigstens unwahrscheinlich. Gerade die Schlussfolgerung, in der die Auslese des Stärkeren als grundsätzliches Charakteristikum des Islam und als Grundlage für die Polygamie geschildert wird, würde in der deutschen Gesellschaft doch auf heftigen Widerstand stoßen. Wenigstens hoffe ich das.

Insgesamt für mich ein höchst lesens- und bedenkenswertes Buch, auch wenn es nach meinem Geschmack gewesen wäre, wenn entscheidende Erzählstränge weiterverfolgt worden wären. Im Grunde kann man das Buch als grundlegende Islamkritik verstehen, aber noch vielmehr als grundlegende Kritik einer wehr- und wertelosen Gesellschaft, die aufgrund ihrer inneren Zerstrittenheit nicht bereit und in der Lage ist, den eigene Werten Geltung zu verschaffen, und so dem Einfall eines im Grunde zutiefst fremden Wertesystems schutzlos ausgeliefert ist.

Michel Houellebecq "Unterwerfung"

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