Islamismus = Faschismus? Anmerkungen zu Hamed Abdel Samads Konzept des islamischen Faschismus

Anlässlich der Veröffentlichung von Hamed Abdel-Samads Buch neuem Buch über den Propheten Mohammed möchte ich einige Überlegungen zu seinem vorherigen Werk „Der islamische Faschismus“ anstellen.

Abdel-Samad interpretiert Islamismus und Faschismus als imperialistische politische Religionen - nach Weltherrschaft strebend, gewalttätig, anti-demokratisch, -semitisch, -marxistisch und gegen die Moderne gerichtet. Er verweist außerdem auf die historischen Verbindungen islamistischer Theoretiker der Zwischenkriegszeit, die sich vom Faschismus inspirieren ließen. Ferner sei dieser islamische Faschismus tief in der islamischen Religionsgeschichte verwurzelt und könne nur durch einen radikalen Aufklärungsprozess und dem damit einher gehenden gesellschaftlichen Modernisierungsprozess innerhalb der islamischen Welt überwunden werden.

Ohne Abdels-Samads kritische Einschätzung des Islamismus oder seine gesellschaftlichen und politischen Ziele verurteilen zu wollen, möchte ich dennoch einige kritische Anmerkungen zu seinem Konzept des „islamischen Faschismus“ wagen.

Das universalistische Konzept der Umma ist nicht mit dem exklusivistischem Ethno-Nationalismus faschistischer Prägung gleichsetzbar. Dem Islamismus fehlt die biologisch-sozialdarwinistische Komponente, die den Faschismus als ideologisches Konstrukt des Westens ausweist, das auf den völkisch-nationalistischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts und der rassistischen Verklärung der ökonomisch-politischen Dominanz Europas über die restliche Welt resultiert. Der Faschismus ist nicht an Mission oder Bekehrung der Menschheit interessiert, sondern ausschließlich an politischer Vorherrschaft über als rassisch minderwertig kategorisierte Personengruppen.

Das Konzept einer gewalttätigen politischen Religion ist auch auf andere gewalttätige ideologische Strömungen anwendbar, trotzdem kommt Abdel-Samad nicht auf die Idee, etwa vom „islamischen Maoismus“ zu sprechen, obwohl seine Definition auch diesen weitgehend bestätigen dürfte. Darin aber zeigt sich die inhaltliche Beliebigkeit von Abdel-Samads Faschismus-Theorie.

Der Faschismus hat auf alle politischen Strömungen seiner Zeit eingewirkt, und in bürgerlichen Kreisen große Sympathie genossen und galt als zukunftsträchtige Ideologie. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch die islamische Welt mit Interesse auf die faschistischen Länder blickte.

Faschistische Ideologien sind auf eine menschliche Führerfigur zugeschnitten und maßgeblich von dieser selbst entwickelt. Traditionelle Religionen und deren Schriften und Vorstellungen können in faschistischen Systemen integriert werden und diesen nutzen, wie die katholische Kirche den faschistisch orientierten Regimen in Portugal, Spanien oder Österreich. Gleichzeitig bleibt das Verhältnis stets ein schwieriges, weil der Faschismus in seiner Reinform keine andere Weltanschauung neben sich duldet, weshalb die genannten Beispiele auch nicht als genuin faschistische Regime angesehen werden.

Der Faschismus lehnt die Werte der Aufklärung zwar ab, ist aber zugleich ein Produkt des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses. Der Faschismus strebt die Entwicklung einer neuen, auf dem Führerprinzip basierenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung an. Daher ist das Verhältnis zu Vertretern einer ständisch-vormodernen Ordnung auch immer ein schwieriges gewesen, obwohl faschistische und monarchistisch-konservative Gruppen häufig zusammenarbeiteten.

Der Faschismus ist eine weltimmanente Ideologie, deren Heilsversprechen sich nicht auf eine transzendente Gegenwelt bezieht, sondern eine faschistische Ordnung innerhalb der Welt anstrebt. Der Islamismus hingegen hat sich weder vom transzendenten Gottes-, noch von Jenseits-Bezug des Islams gelöst.

Es gibt sehr wohl Gruppen, die sowohl islamistische, als auch faschistische Positionen vertreten, zum Beispiel die türkischen „Grauen Wölfe“ (die für Abdel-Samad aber irrelevant sind). Dennoch ist der Islamismus insgesamt als autonomes Phänomen der islamischen Zivilisation zu betrachten. In mancher Hinsicht erscheint er als das islamische Äquivalent zum Faschismus in der westlicher Welt, andererseits bestehen wieder Ähnlichkeiten zum christlichem Fundamentalismus, der, obwohl ebenfalls gefährlich auch nicht pauschal mit Faschismus gleichzusetzen ist.

Fazit: Abdel-Samads Faschismusdefinition ist zu beliebig und oberflächlich, als das sie tiefergehende Erkenntnisse liefern könnte. Gerade wenn der Islamismus kein Produkt der Neuzeit, sondern, wie Abdel-Samad postuliert, in der islamischen Tradition selbst wurzelt, macht die Bezeichnung als „Faschismus“ keinen Sinn. Soll der Islamismus als ein eigenständiges Phänomen verstanden werden, dann sollte er auch einen eigenständigen Begriff erhalten. Das bedeutet nicht, dass es nicht historische Verknüpfungen zwischen Islamismus und Faschismus gegeben hat. Wie im Falle der Grauen Wölfe gibt es auch Gruppen, die sich beider Ideologien bedienen. Eine genuine Verwendung des Begriffs „Faschismus“ für islamische Strömungen lässt sich damit aber nicht begründen.

Islamkritik

Hamed Abdel-Samad

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