"Je ne regrette rien" - echt jetzt...?

Wer sich für einigermaßen bis Keith-Richards-mäßig wild hält und das auch nach außen hin zeigen will, lässt sich ja gerne den aus dem gleichnamigen Edith-Piaf-Lied entlehnten Slogan „Je ne regrette rien“ tätowieren, der gemeinhin als besonders Rock'n'Roll zu gelten scheint.

Ach ja, nichts bereuen, schön! Und auch so selbstbewusst und gradlinig, sagen wir doch damit aus: Ja, wir leben krass, nicht so wie die ganzen Spießer um uns rum. Frei von der Leber weg, niemals zurückschauen und dabei „oh Scheiße“ denken. Denn wir sind ja nicht zuletzt erst durch die Fehler, die wir gemacht haben, zu der extrem coolen Person geworden, die hier heute im Tattoostudio sitzt und sich das ach so wahre und lebensbejahende Mantra für immer (denn wir bereuen ja nix!) auf die Haut prickeln lässt.

Aber gibt es wirklich Leute, die gar nichts bereuen? Wahrscheinlich nur solche, die entweder noch nie was richtig Schlechtes erlebt oder gemacht haben oder die es dann einfach nicht so schlecht fanden, wie es tatsächlich war.

Klar habe ich auch die eine oder andere Scheiße gebaut, die ich nicht bereue, weil es mit etwas verklärendem Abstand dann doch irgendwie ganz cool war oder doch nicht so schlimm oder zumindest eine gute Geschichte ergab, manchmal sogar mit nützlicher Moral am Ende.

Trotzdem kann ich nicht gerade behaupten, dass ich NICHTS bereue. Zum Beispiel bereue ich manchmal, dass ich nie längere Zeit im Ausland war, dass ich kein Musikinstrument kann und dass ich meinen Großeltern, als sie noch lebten, nie richtig zugehört habe, wenn sie „mal wieder Geschichten aus dem Krieg“ erzählt haben – weil ich heute viele Fragen habe, die mir niemand mehr beantworten kann. Nur ein paar Beispiele von so einigen.

Es gibt einfach Fehler und Versäumnisse, die auch im Nachhinein keinen Sinn machen und die man sich auch nicht schönreden muss. Erfahrungen, die man sich, wenn man mal ehrlich ist, einfach besser gespart und stattdessen vielleicht ein gutes Buch gelesen hätte. Jede/r, die/ der schon mal aus Angst oder Blödheit eine Chance verpasst oder viel Zeit mit unsinniger Arbeit verbracht hat, dürfte das Gefühl der Reue jedenfalls kennen. Ebenso wie alle, die schon mal besoffen einen Unfall gebaut haben oder Schulden gemacht oder richtig mies zu jemandem waren, der es überhaupt nicht verdient hatte.

Machen wir uns nichts vor - Reue ist oft berechtigt und gehört einfach zu jedem richtigen Leben dazu wie Schmerzen, schlechte Laune und die Tatsache, dass wir irgendwann mal sterben müssen. Wer nichts bereut, hat vermutlich noch nie RICHTIG Scheiße gebaut, und wer mal klarsichtig zurückblickt, erkennt auch, dass nicht jeder Fehler, nicht jede miese Erfahrung wichtig oder für irgendwas gut gewesen ist. Was natürlich nicht heißt, dass man sich vom ständigen Bereuen ewig runterziehen lassen muss, im Gegenteil. In diesem Sinne: Genießt das Wochenende und lasst Euch keine Chansontexte tätowieren, wenn Ihr Euch nicht ganz sicher seid^^

Nicht so gute Tätowierungen

https://www.youtube.com/watch?v=fFtGfyruroU