Keine Angst vor Sibylle Berg

„Kaufe nix, ficke niemanden.“ So stellt sich die Schriftstellerin, Dramatikerin und Kolumnistin auf Twitter vor – ein Habitat, das Frau Berg bekanntlich sehr aktiv beackert. Angesichts solcher Ansagen war wohl zu erwarten, dass Sibylle B. in diesem Filmporträt der „Dokuschlampen“ (Berg!) Sigrun Köhler und Wiltrud Baier nicht komplett blank zieht.

Ein bisschen was erfahren wir aber schon über die „Designerin des Schreckens“ (wtf?!). Worüber sie so nachdenkt, wie, wo und mit wem sie arbeitet, was sie mag und was nicht so. Zum Beispiel, dass sie wegen Edgar Allen Poe mit dem Schreiben anfing, Thomas Mann dagegen „blöd“ findet, was schon mal Sympathie schafft – zumindest bei einer, die auch immer schon am liebsten EAP gewesen wäre und den „Zauberberg“ wegen seiner ekelhaften Bildungshuberei mehrfach an die Wand geworfen und auch das entsprechende Uniseminar mit größter Genugtuung gedroppt hat. Oder auch (in einer meiner Lieblingsszenen), dass sie schreibt, weil sie laut eigener Aussage halt nix anderes kann, was sich wohl in diversen Jobs wie Putzfrau und LKW-Fahrerin offenbart haben soll. Identifikationspotenzial galore.

Wir beobachten also die stets Dunkelgewandete, wie sie durch verschiedene Landschaften (u.a. in Los Angeles) mäandert, verächtlich mit Drohnen hantiert, ihren turn- und nachteiswassertauchgestählten Körper verbiegt und ganz nebenbei die Umgebung und diverse andere Themen mal scharfsinnig-ironisch, mal dezent verballert kommentiert. Hin und wieder tauchen auch andere Protagonist*innen der deutschen Kulturlandschaft auf – Katja Riemann zum Beispiel, die für Arte mal eine Nacht mit Berg verbracht hat, die hier etwas katzbucklige Helene Hegemann oder auch der immer gute Olli Schulz – und plaudern tiefenentspannt mit Sibylle über dies und das.

Von Angst kann also keine Rede sein, im Gegenteil. Und auch wenn dieser Film weder den Bürgerschreckmythos noch die Person Sibylle Berg „entschlüsselt“ (wer will das auch schon?) und hin und wieder ein bisschen schläfrig daherkommt – für Sibylle-Fans und angehende bzw. erfolglose Schriftsteller*innen bietet er auf jeden Fall interessante Einblicke und den einen oder anderen High-five-Moment.

Sibylle Berg

https://www.youtube.com/watch?v=HsI9ARYBwnQ

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