Keine Gebete, keine Appelle.

Ein einzelner Mann fährt mit einem gemieteten LKW in eine Menschenmenge und tötet über 80 Menschen. Es handelt sich offenbar um einen Franzosen tunesischer Abstammung. Ein islamistischer Hintergrund oder Verbindungen zum IS können zu diesem Zeitpunkt noch nicht bestätigt werden. Der Schluss liegt natürlich nahe, aber im Endeffekt ist es für die Entsetzlichkeit der Tat unerheblich, welches Motiv hinter diesem Attentat steht.

Es ist schlimm, dass man sich schon fast daran gewöhnt hat, fast wöchentlich Eilmeldungen von Anschlägen – wodurch auch immer motiviert – mit mehreren zig Toten zu lesen. Paris, Brüssel, Dhaka, Orlando, Istanbul, Bagdad, … [1] Klar ist, dass der Terror hier eine neue Dimension erreicht hat. Es hat sich gezeigt, dass ein Attentäter nicht einmal eine klassische Waffe und auch nicht zwingend eine sichtbare Verbindung zu einer größeren Organisation benötigt, um die gesamte Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Einzige, was nötig ist, ist die Inkaufnahme des sicheren eigenen Todes und die völlige Skrupellosigkeit bei der Wahl der Opfer – seien nun „Ungläubige“, „Gläubige“ oder Kleinkinder unter Ihnen.

Die Konsequenzen sind noch nicht absehbar. Es besteht die Gefahr, dass Andere durch diese Tat inspiriert werden. Menschen, die mit dem Leben abgeschlossen haben oder das eigentliche Leben erst nach dem irdischen „Märtyrer-Tod“ erwarten. Für Polizei und Geheimdienste ist es nahezu unmöglich, solche Leute ausfindig zu machen, wenn sie nicht durch die Beschaffung von Waffen oder Kontakte zu einschlägigen terroristischen Vereinigungen auffällig werden.

Man fragt sich: Was sind nun die Folgen? Soll jeder, der einen LKW mieten will, einer ausführlichen Zuverlässigkeitsprüfung unterzogen werden? Müssen rings um jegliche Veranstaltung zukünftig Panzersperren aufgebaut werden? Denkt man die quälenden Gedanken zu Ende, gibt das ein ziemlich düsteres Bild für unsere Welt.

Es fällt schwer, für diesen Comment einen geeigneten, konstruktiven Abschluss zu finden. Ich halte wenig von allgemeinen Floskeln und Appellen. Kein „Stay strong“ oder „Prayers for Nice“ von mir hilft jetzt irgendjemandem. Auch eine Lösung habe ich nicht. Nur eine Hoffnung: Dass jeder zumindest einen Funken Menschlichkeit in sich trägt. Menschlichkeit bedeutet für mich das Bewusstsein, dass meine Freiheit dort endet, wo die eines anderen beginnt. Das ist der sinnvollste Grundsatz, den ich kenne, und der, völlig unabhängig von irgendeiner Religion oder Ideologie, allgemeingültig ist. Wahlloses Töten von Menschen und Terror verbreiten ist ein Eingriff in jedermanns Freiheit. Wenn überhaupt ein Appell, dann appelliere ich an die Menschlichkeit in jedem. Auch wenn ich diejenigen, die die Freiheit anderer nicht zu respektieren bereit sind, damit wohl nicht erreiche, sollten wir anderen uns wenigstens in den Diskussionen über den Terror und seine Hintergründe menschlich verhalten.

#Nizza, #NiceAttacks, #Nice, Anschlag von Nizza

http://www.sueddeutsche.de/politik/anschlag-von-nizza-das-auto-als-terrorwaffe-1.3079987

Anzeige: