Keltisches Märchen

Es gibts sie noch, die gefeierten Spinner, Träumer, Genies und gegen-den-Strom-Schwimmer der Animationskunst. Man hatte schon befürchtet, mit Miyazaki den Letzten verloren zu haben. Nun hat der Trickfilm in Japan einen gänzlich anderen Stellenwert als in Europa. Lediglich in frankophonen Breitengraden weiß man traditionsgemäß diese hohe Kunst zu schätzen. In Deutschland ist es da eher duster. Hier entsteht im Bereich des animierten Kinofilms nur Fließbandware für das junge Zielpublikum. Auch Irland ist nicht wirklich als Hochburg des Trickfilms bekannt. Der Ire Tomm Moore hat sich trotzdem voller Hingabe dem Medium der gezeichneten Geschichten verschrieben und haucht der Folklore seiner Heimat animiertes Leben ein. So verwandelt er jahrhundertealte Geschichten in mitreißende Zeichentrickfilme, kleine anachronistische 2D-Kunstwerke, verschnörkelt, verspielt und ganz eigen in der graphischen Gestaltung. Sein Erstling "Brendan und das Geheimnis von Kells" brachte Moore bereits eine Oscarnominierung ein. Auch sein zweiter Film "Melodie des Meeres" stand bei den Academy Awards in direkter Konkurrenz zu den Filmen aus dem Hause Disney und musste sich ausgerechnet dem uninspirierten Action-Abenteur "Baymax" geschlagen geben. Er widmet sich darin der Sage der Selkies, jener Fabelwesen, die zwischen dem Meer und dem Land wandern. Saoirse ist eine von ihnen und hat die Sehnsucht nach dem Meer von ihrer Mutter geerbt, die einst in einer stürmischen Nacht verschwand und sie mit ihrem Bruder Ben und ihrem Vater zurück ließ. Als das kleine Mädchen ihre wahre Bestimmung erfährt, werden sie und Ben in ein aberwitziges Abenteuer hinein gezogen, das phantasievoll erzählt und traumhaft schön animiert, nicht nur etwas für die Kleinen ist, sondern jeden mit offenem Herzen zutiefst bewegt, berührt und beglückt. Ein wahrhaftiges Juwel der Animationskunst im Geiste Miyazakis, das erfreulicherweise nun endlich auch unsere Lichtspielhäuser erreicht.

Melodie des Meeres

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