Krieg, das Unwort des Jahres

Wie wahrscheinlich die meisten hier habe ich das Unwort des Jahres zuerst von meinen Großeltern gehört. Als Kind war "Krieg" für mich etwas Abstraktes und dabei extrem Furchteinflößendes, verbunden mit drastischen Bildern, die immerhin verstehen ließen, dass es wohl das absolut Schlimmste sein musste.

Etwas, das brennende Häuser mit sich bringt und Narben an den Händen, Splitter im Körper und abgetrennte Arme und Beine, etwas, bei dem man fallen kann und nicht mehr aufsteht. Etwas, wo Leute zum Schießen auf andere Leute gezwungen werden. Etwas, das Opa zum Weinen brachte, wenn er darüber redete, obwohl er doch ein erwachsener Mann war und das alles lange her.

Auch wenn einem der theoretische Sinn des einen oder anderen Krieges inzwischen ja dank Geschichtsbüchern und Medien erklärt wurde, versteht ein Teil von mir (der bessere...) immer noch nicht, wie einer sogenannten zivilisierten Menschheit, die kognitiv dazu in der Lage ist, Atome zu spalten, Herzen zu transplantieren und ins All zu fliegen, immer noch nichts Besseres einfallen kann als dieser - unabhängig vom technologischen Fortschritt der Waffenindustrie - rückständige und barbarische Schwachsinn.

„Ja, aber sollen wir denn den IS einfach machen lassen? Da muss man doch Einhalt gebieten, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln!“ Eine Aussage, die man in den letzten Wochen zu oft gehört hat. Denn selbst, wenn man nach den Anschlägen von Paris der Meinung ist, der Zweck heilige die Mittel*, dann sollte man sich zumindest mal die Zeit nehmen und den zu erwartenden Effekt dieser Mittel hinterfragen. Zu sehr ins Detail will ich hier nicht gehen, dafür die Referenz.

Ja ja, der Pazifismus, wie albern wir den immer finden. „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Das ist ein Spruch von Hippies, die den ganzen Tag kiffen, Gänseblümchen in Gewehrläufe stecken und hoffen, dass alles gut wird. Ein Spruch, der allgemein als realitätsfern gilt, weil man ja so aufgeklärt ist und immer schön zuhört und mitschreibt, wenn wieder mal erklärt wird, dass die Situation so unfassbar kompliziert ist, dass außer Bomben nichts mehr hilft.

Aber so naiv dieser Spruch auch erscheint - er hat einen Kern, der (immer noch) wahr und brauchbar ist. Vielleicht wird es ja langsam Zeit, mal wieder in ein paar Geschichtsbüchern zu blättern oder in der mal wieder empfehlenswerten Friedensschrift von Kant [s.u.], für deren Verständnis man übrigens nicht mal an „das Gute im Menschen“ glauben muss, sondern nur daran, dass Vernunft das Vernünftigste ist.

Auf jeden Fall wird es Zeit, mal wieder wach zu werden, mit dem Denken anzufangen und nicht wieder einmal blind in etwas hineinzulaufen, das fatale Folgen haben wird, und zwar nicht nur weit weg, sondern ziemlich sicher auch hier, wo wir seit luxuriösen 70 Jahren in Frieden leben. Ein Privileg, das zunehmend weniger selbstverständlich wird und für das es sich im Zweifel auch mal aufzustehen lohnt. Wie das aussehen könnte, kann man sich ja die Tage mal überlegen. In diesem Sinne, schöne Feiertage.

*Vgl. dazu Kant, „Zum ewigen Frieden“ (1795), übrigens konstitutive Grundlage der Charta der Vereinten Nationen...

MEIN (UN-)WORT DES JAHRES

https://www.youtube.com/watch?v=VwM6jJrbybM

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