Kuschelpädagogik

Am 11. August rief ich in meinem Beitrag "Mut zur Ehrlichkeit" dazu auf, die Bandbreite der Bewertung von 1 bis 5 ruhig mal etwas mutiger auszuschöpfen. Wörtlich schrieb ich: "Bei den Bewertungen wird bisher auffällig diplomatisch verfahren. Die Mehrzahl hat die Bestnote 5,0 und ein Wert unter 3,3 findet sich nirgends. Sind wirklich alle Beiträge so toll geschrieben und inhaltlich hochinteressant? Ich tippe eher auf höfliche Rücksichtnahme." Mehr dazu unter: https://whicee.com/?c=I3xD2QUw2D5rw4o

Es hat mich gefreut, wenn ein Beitrag wie „Beate Zschäpe kann nicht singen“ fast hundertmal gelesen und mehrfach mit fünf bewertet wurde. Andererseits bin ich wohl bislang der erste, der sich einen Rüffel eingefangen hat, weil er einen in meinen Augen unterirdischen Comment mit verbalen Schlägen unter die Gürtellinie beantwortet hat. (Vielleicht war's auch oberhalb der Gürtellinie, aber jedenfalls habe ich sarkastisch vom Leder gezogen. Mea culpa.) siehe https://whicee.com/?c=g1MOXSaxgQ4eMBI

Nun sind alle alten Bewertungen verschwunden und ich habe nur noch die Wahl zwischen "Ganz meine Meinung!" oder "Guter Comment" – also zwischen „toll“ und „das hast du schön gemacht!“ Schade! Nie habe ich leichtfertig einem schlecht geschriebenen oder langweiligen Comment eine miese Note verpasst, aber es geschah gelegentlich und dann aus guten Gründen. Und – wäre das Bewertungssystem nicht geändert worden – daran hätte sich auch nichts geändert. Tolle Texte 5, Mittelmäßiges 3, Schrott 1. Klare Sache.

Texte – egal ob informativ, prosaisch, lyrisch oder satirisch – sollen nicht nur Information transportieren, sondern idealerweise auch Gefühle wecken. Ein guter Text soll, ja er muss wahrscheinlich sogar polarisieren. Und wenn ich demnächst etwas verzapfe, was einer Reihe von Lesern massiv auf den Keks geht, können sie ihre Empörung in Zukunft dadurch kundtun, indem sie nix tun, also kein Kästchen ankreuzen. Mir ist das zu soft, zu Wischiwaschi, zu konturlos. In meinem eigenen Blog kann jeder seine Meinung zu den über 600 Beiträgen schreiben, und die Texte gerne auch nach Herzenslust verreißen. Shitstorms hat es in den sieben Jahren kaum gegeben. Hier bei whicee.com habe ich als Leser in Zukunft ein bisschen die Rolle einer herzensguten Kindergärtnerin, die dem braven Nachwuchs wahlweise eine geschälte Karotte oder ein Apfelschnitz zusteckt.

Enden möchte ich mit einem Zitat von Sheldon B. Kopp, amerikanischer Autor und Freund klarer Worte. "Du kannst einer Sau die Schnauze mit Lippenstift einschmieren, ihr ein Tüllkleid anziehen und sie Denise nennen – sie bleibt trotzdem eine Sau!" Genau wie Sheldon B. Kopp finde ich, man soll die Dinge ruhig beim Namen nennen.

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