Lärmtrolle

Ich liege im Bett, es ist fünf Uhr morgens. Natürlich hat mich nicht der Wecker aus dem seligen Schlummern gerissen, sondern der Putztroll. Meine Nachbarin von oben. Sie ist alt, mit Krücken bewaffnet und gefährlich. Die Dame hat die Gewohnheit, um diese Uhrzeit die Möbel über den Boden zu schieben und dann gleich mit dem Staubsauger hinterher zu wedeln. Super, nichts mit Ausschlafen! Jetzt startet sie noch ihren Geschirrspüler, der nicht wäscht, sondern wie eine Kreissäge Bäume fällt. Dazu werden die Krücken scheinbar im selben Rhythmus an die Wände geknallt. Ja, ich gebe es zu, ich stelle mir gerne vor, wie sie dabei einen Herzinfarkt erleidet, damit endlich Ruhe ist. Den Gefallen tut sie mir natürlich nicht. Da es mit dem Schlafen heute sowieso nichts mehr wird, schleiche ich mich müde und halbblind an die Kaffeemaschine. Da es warm genug ist, setze ich mich mit dem Kaffee in den Garten. Eine Fehlentscheidung, wie sich zwei Minuten später zeigt. Der Gartentroll vom gegenüberliegenden Haus startet seinen Laubbläser. Den geniesst er erfahrungsgemäss für die nächsten zwei Stunden. Na ja, was gibt es schöneres am Morgen, als taube Ohren. Ich habe aber nun endgültig keine Lust mehr, mir im Trommelfell ein Loch zu holen. Daher ist für mich Flucht angesagt. Anziehen, weglaufen und den Zug besteigen. Eine Stunde später sitze ich mitten im offenen Bahnhofsgebäude und geniesse meinen dritten Kaffee. Im Gegensatz zu einem Laubbläser und meiner Nachbarin ist ein Bahnhof die reinste Wellness-Oase. Inklusive einfahrender Züge, die direkt ruhig quietschen. Auch die Menschen sind leise. Sie schleichen tonlos mit ihren Handys durch die Gegend und machen keinen Mucks. Wunderbar! Nach dem Kaffee geht’s noch ein wenig in die Stadt zum Shoppen. Genau nach drei Stunden bin ich wieder gutgelaunt, zu Hause. Alles ist ruhig. Yeah, in Ruhe Mittagessen. Ich beginne freudig zu kochen. Natürlich geht auch das heute nicht lange gut. Exakt in der Minute, in der ich den vollen Teller auf dem Tisch platziere, fängt das Geschrei auch schon an. Die Nachbarin von links hat zehn Kinder zum Hüten da. Und alle sind über Mittag im Garten ausgewildert. Nein, die spielen nicht, die lachen nicht, die kreischen in den höchsten Tönen. Es sind Lärmbestien in kleinen Körpern. Ohne Luft zu holen und ohne platzende Hälse, halten die lieben Kinderchen das Geschrei wunderbar den ganzen Nachmittag durch. Da nützen auch geschlossene Fenster nichts. Ich bekomme meine asoziale Phase und habe kurz das Bild eines riesigen Hundes vor Augen, der die niedlichen Kleinen einfach frisst und sie als stinkender Haufen wieder rauslässt. Das Bild verbessert meine Laune aber nicht wirklich. Wo zum Teufel ist der Hund? Die letzte Waffe ist der Kopfhörer. Damit setze ich mich an den PC und fange an zu arbeiten. Was soll ich auch sonst machen? Da heute schönes Wetter ist, bleiben die Trolle natürlich ohne Pause draussen und so geht das Gekreische munter weiter. Bis zum Abend! Na schön, ich kann den Kopfhörer auch an den Fernseher anschliessen. Ich entscheide mich, so zwei bis drei Sendungen zu gucken. Bis zu deren Ende werden die Schreihälse dann wohl mal fertig sein. Um zwanzig Uhr kehret wohlige Ruhe ein. Endlich. Also, schön etwas essen und dann genüsslich ein Buch lesen. Das war zumindest der Plan. Der funktionierte auch genau bis zweiundzwanzig Uhr. Dann legte ich mich nämlich ins Bett. Das schien die Einladung an das Leben zu sein, wieder eins drauf zu hauen. Im Haus sind Studenten einquartiert. Die Elite des Landes, die mal unsere Führungskräfte werden sollen. Im Feiern, Saufen und Kiffen sind sie mit Sicherheit bereits auf Platz eins. Am Rest muss noch gearbeitet werden. Ihre Musik geht über drei Stockwerke, der Bass kriecht die Wände hinunter und genau in meine Ohren. Ansonsten machen sie es wie die Kinder am Nachmittag. Sie kreischen und schreien. Wie war das nochmal mit dem Hund? Reklamieren? Fehlanzeige. Die Sauftrolle sind der Meinung, dass Leute die schlafen müssen, dumme Spiesser sind. Also Ohrstöpsel rein und hoffen, dass der Bass sich wieder verzieht. Die Gnade hatte er allerdings nicht. So beim Liegen fragte ich mich, weshalb sich die Leute eigentlich über Internettrolle aufregen. Die kann man löschen, ignorieren, wegdrücken oder stummschalten. Je nachdem auf welchem Portal man sich gerade bewegt. Man kann sogar das Gerät ausschalten. Wow! Aber die Trolle aus dem realen Leben, die sind das wirkliche Problem. Was macht man mit denen? Alles was mir dazu in den Sinn käme, würde das Strafgesetzbuch keinesfalls ignorieren. Natürlich frage ich mich auch heimlich, ob wirklich ich dumm bin, weil ich gerne mal etwas Ruhe hätte, oder ob es doch die Trolle sind. Natürlich entscheide ich mich für die Trolle. Beim Einschlafen denke ich noch, wie schön es doch ist, am nächsten Tag wieder arbeiten zu dürfen. Da habe ich nämlich meine Ruhe. Na ja, also der Chef….
Liebe Grüsse
Alex

Lärm

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