Lasst Väter Vater sein

Es gibt Sätze, die gleichzeitig wunderbar sind und weh tun, und die man sein Leben lang nicht vergisst. Wie damals, als mir meine vierjährige Tochter vom Balkon „Aber Papa, wir vermissen Dich doch“ hinterherrief, als ich mich wieder einmal sonntags für die Arbeitswoche auf den Weg zum Bahnhof machte. Ich bin gerne Vater. Ich liebe es. An den Wochenenden bin ich ganz für meine Familie da, aber ich kann das halt nur am Wochenende tun, denn während der Woche bin ich woanders. Wie das Berufsleben so spielt.

Ich kann in diesem Zusammenhang auf die Streitschrift „Lass Väter Vater sein“ von Barbara Streidl verweisen, die ich gerade lese und die mich in meiner Auffassung sehr stärkt. Es wird Zeit, mit diesen althergebrachten Väterbildern aufzuräumen, die oftmals auf egozentrischen und subjektiven Erfahrungen aufbauen. Es mag zwar weiterhin die autoritäten Väter geben, die im Leben ihrer Kinder nur als Schreckensfigur vorstellen, weil sie immer nur kurz auftauchen, feststellen, dass ihre Kinder nicht ihrem Bild entsprechen und dann einen kurzen Sturm des Terrors entfachen. Aber das ist nicht der Normalfall. Es mag auch Väter geben, deren Beitrag zum Leben ihrer Kinder sich in der Zeugung erschöpft, aber auch das ist nicht allgemein der Fall.

Die Mehrzahl der Väter, die ich kenne, wollen Väter sein, wollen am Leben ihrer Kinder teilhaben und wollen ihren Kindern weit mehr mitgeben als ihr Erbgut und ihre Hobbies. Für sie sind Kinder auch keine Gebrauchsobjekte. Für sie sind ihre Kinder ein Teil ihrer selbst. Und so ist es auch ein Fehler, die Diskussionen um die Gleichberechtigung auf technische Fragen und Fragen der Zeiteinteilung zu begrenzen. Wie Frau Streidl richtigerweise betont, geht es auch nicht nur darum, welche Aufgaben im Bereich der Kindererziehung der Vater der Mutter abnehmen kann. Es geht vor allem auch darum, welchen eigenen Beitrag der Vater leisten kann.

Das ist natürlich alles nicht einfach. Mein Dasein als Wochenendvater ist hierfür natürlich ein spezieller Fall, aber auch jeder Vater, der Vollzeit arbeitet und eine Stunde zur Arbeit fährt, ist wenigstens zehn Stunden am Tag nicht zuhause, und dies sind genau die Stunden, in denen sich das aktive Leben seiner Kinder abspielt. Hier eine Ballance und Zeit zu finden, um sich wirklich auf die Kinder einzulassen, ist in jedem Fall schwer. Aber viele Väter wollen dies schaffen, denn sie schätzen jede Minute, die sie mit ihren Kindern verbringen, hoch ein.

Denn Kindererziehung ist mehr als Windelnwechseln und nachts aufstehen. Es ist auch einfach Zeit, die man mit seinen Kindern verbringt. Es sind gemeinsame Mahlzeiten, bei denen man sich über die Woche unterhält, gemeinsame Spaziergänge, auf denen man sich über die Welt austauscht, gemeinsame Nachmittage, an denen man einfach mal gemeinsam nichts tut, und selbst das gemeinsame Erledigen der Hausaufgaben der Kinder, bei dem ein Vater die Möglichkeit hat, seine Kinder zu unterstützen und sein Wissen weiterzugeben.

Ich jedenfalls freue mich bereits jetzt am Montag auf den kommenden Freitag, wenn ich wieder nach Hause komme und meine Kinder in den Arm schließen kann, wenn ich nach einer langen Woche zwei Tage Zeit haben werde, emotional wieder aufzutanken, wenn ich mich damit beschäftigen kann, meinem Sohn zu erläutern, was diese Woche in Geschichte auf dem Lehrplan stand, wenn ich mit meiner Tochter gemeinsam Videos bei Youtube schauen kann. All dies sind die Stunden der Woche, für die ich lebe, selbst wenn das nur am Wochenende der Fall ist. Als meine Kinder noch klein waren, pflegte ich mich auf Spaziergängen hinzuknien, die Arme zu öffnen und dann darauf zu warteten, wie meine Kinder mit Begeisterung auf mich zurannten, um als Erstes von mir in die Arme geschlossen zu werden. Dies waren und sind für mich Augenblicke des höchsten Glücks.

Zum Abschluss – Viele Menschen fragen mich, warum ich meine Familie nicht längst nachgeholt habe, dahin, wo ich arbeite. Ich kann aufgrund dieser Ignoranz nur den Kopf schütteln. Meine Frau arbeitet ebenfalls, und ich kann meine Familie nicht so einfach als Manövriermasse behandeln, die ich jeweils dorthin verschieben kann, wohin es mich verschlagen hat. Da es unwahrscheinlich ist, dass ich jemals einen Job dort finden werde, wo meine Familie ist, bleibt mir nur diese Möglichkeit, Vater zu sein, und ich nutze sie gerne. Ich kann von Glück sagen, dass ich eine Frau habe, die sich damit abfindet und den Vater ihrer Kinder auch Vater sein lässt. Ich denke aber auch, dass das normaler ist, als es die öffentliche Diskussion andeutet.

Vaterrollen

"Lasst Väter Vater sein" von Barbara Streidl, Verlagsgruppe Beltz, Weinheim, 2015