Lebensstilfaschismus

Was darf ich denken, was darf ich sagen und was darf ich tun? In einer freiheitlichen Gesellschaft sollte nan meinen, dass die Freiheiten geschützt sind, dort, wo dem einzelnen Einschränkungen gemacht werden, sollte man erwarten, dass diese mit grösstmöglicher Zurückhaltung formuliert werden. Das Gegenteil ist seit einigen Jahrzehnten zunehmend zu beobachten. Unsere parlamentarischen Vertreter sind weniger darauf bedacht, Freiheiten zu bewahren und eher geneigt, einen bestimmten als von Ihnen als richtig erkannten Lebensstil zu erzwingen, meistens geschieht dies durch Regulierungen.
Der Mensch gehorcht atavistischen Verhaltensmustern, er benötigt das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe. Die Gruppe benötigt identitätsstiftende Merkmale, um sich zu bilden und vor allem um sich gegenüber anderen Gruppen abzugrenzen. Sozialpsychologisch ist eine gemeinsame Abgrenzung, ein gemeinsames Feindbild der Gruppenbildung ausserordentlich zuträglich. Die soziale Ausgrenzung wird daher einigen Gruppenmitgliedern so wichtig, dass sie dazu neigen, Feindbilder zu konstruieren, um sich in der Gruppe profilieren zu können. Das erfordert Opfer, die soziale Ausgrenzung (Exklusion) führt dazu, dass Mitglieder aus der (Werte)gemeinschaft ausgeschlossen werden und ihre Rückkehr allenfalls durch sozial angepasstes Verhalten ermöglicht wird. Die kulturelle Entwicklung des Menschen hat den Prozess der Exklusion sozialpsychologisch erschwert. Es reicht nicht mehr aus, dass der Auszugrenzende anders ist, es muss ein weiterer Begründungszusammenhang gefunden werden, um das Verhalten des Auszugrenzenden auch als schädlich und damit als ausgrenzungswürdig aussehen zu lassen. Bezüge auf die Gefährdung der (Volks)gemeinschaft, der (Volks)gesundheit, desJugendschutzes oder obszönerrweise sogar der Freiheit der Gruppenmitglieder sind effiziente Ausgrenzungsstrategien.
Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte der Raucherdiskriminierung. Zunächst haftete dem Rauchen etwas exotisches an, der Raucher ging als weltläufiger Hedonist durch, der seine Zeit wenig nutzbringend verbrachte, auch Goethe konnte dem Rauchen wenig abgewinnen, er nannte die ihm zeitlebens fremd gebliebenen Raucher auch schon mal Schmauchlümmel. Hitler, Mussolini und Franco hassten Raucher, ihre Gegner Churchill, Roosevelt und Stalin liebten hingegen das Rauchen. Die Nachkriegszeit war geprägt von einem zunehmend auch genussorientiertem Lebensstil, die Zigarette stand für Aufgeschlossenheit, Jugendlichkeit, sie symbolisierte sogar die weibliche Emanzipation, die Frau drang in eine weitgehend von Männern besetzte Domäne vor, sie begann zu rauchen. Das Rauchen stand nicht nur für Gleichberechtigung, es symbolisierte auch sexuelle Attraktivität. Berühmte besonders sinnliche Filmszenen zwischen Jean Paul Belmondo und Jean Seberg oder Lauren Bacall und Humphrey Bogart beziehen ihre Erotik aus dem Spielerischen und lasziven Umgang mit der Zigarette, auch Sharon Stone bläst den Rauch ihrer Zigarette in Basic Instinct in einer Weise aus, die dem Zuschauer eine Vorahnung auf den Umgang mit dem von Michael Douglas dargestellren Polizisten vermittelt. Es ist diese Äthestik des Rauchens, das damit einhergehende Risiko, der spielerische Umgang mit ihm, sicherlich auch die ihm innewohnend Erotik, die den nichtrauchenden Gegner auf den Plan bringt.
Es ist nicht nur der Film allein, es ist die mit dem Rauchen assoziierte Lebenseinstellung, die die Kritiker des Rauchens dazu verleitete, ihre Ressentiments gegen das Rauchen mittels eine Kampagne in ein Verbot münden zu lassen.

in den 80-ern begann die amerikanische Behörde für Umwetschutz EPA damit, Untersuchungen in Auftrag zu geben, die einen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebserkrankungen darstellen sollten. Auch wenn die Ergebnisse eher mau im Sinne der Auftraggeber ausgefallen sind und die wissenschaftliche Diskussion in eine für eine wertfreie Wissenschaft beschämende Weise abgewürgt wurde, gilt heute für jeden Politiker und fast jeden Bürger als sicher, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht. Damit wurde die Bahn frei für weltweit verabschiedete Nichtraucherschutzgesetze, die deutlich erkennbar im Grunde Antirauchergesetze (geworden) sind. Früher gab es in der Bahn und im Flugzeug noch kleinere Reservate für Raucher, auch durfte ein Wirt noch selbst entscheiden, ob er seinen Gästen das Rauchen erlauben wollte. Heute muss der Raucher abschwören, wenn er an öffentlicher Mobilität teilhaben will, in Restaurants muss er vor die Tür gegen, wenn er rauchen möchte, selbst wenn Gäste und Wirt ihm das Rauchen erlauben. Die Porträts von rauchenden Persönlichkeiten werden auch schon mal retuschiert, unsere französischen Nachbarn verbannten im Regierungsauftrag die Zigarette auf einer Abbildung von Jean Paul Sartre und hinterliessen eine auffällige Lücke zwischen seinen Fingern, Jacques Tati nahm man die Pfeife aus dem Gesicht und ersetzte diese durch ein Windrädchen.

Da der Politiker nun einmal eifrig ist und die Sache mit der Zigarette in seinem Sinne gut gelaufen ist, sinnt er auf weitere Betätigungsfelder. Verbote von Alkohol und Fleisch bieten sich da geradezu an, allerdings muss er auf Mehrheiten achten, andererseits darf er darauf setzen, dass sich Wein- und Biertrinker oder passionierte Fleischesser nicht zu einer relevanten Widerstandsgruppe solidarisieren werden, das identitätsstiftende Band ist innerhalb der Gruppe nicht stark genug. Dennoch scheiterte der Versuch der Einführung des Veggiedays durch die Grünen. Das bedeutet nicht, dass dieser Vorstoss zukünftig unterbleiben wird. Man wird auf anderem Wege zum Ziel kommen. Die Politik hat ja immer noch die Möglichkeit, diese Initiative parteiübergreifend zu organisieren, dann wird die Sache für den Wähler tatsächlich "alternativlos". Er kann sich dann nur noch wehren, indem er nicht mehr zur Wahl geht.

Am Umgang mit Minderheiten, Andersdenkenden, an der Freiheit der Wissenschaft, der Kultur und der Meinungsäusserung wird man den Demokraten erkennen. Sicher ist das Thema Tabak und Rauchen für die Mehrheit der Bevölkerung nicht relevant, die Bürger sollten aber nicht verkennen, dass die Politik zunehmend paternalistisch handelt, den unmündigen Bürger vor Augen hat und sich vom Ideal des mündigen Bürgers verabschiedet. Wer etwas genauer und auch skeptischer hinschaut, wird auch feststellen, dass das Parlament und vor allem der einzelne Abgeordnete zunehmend an Einfluss verloren hat. Das sind keine guten Aussichten.

Freiheit