Mach die Augen zu und folge mir ...wenn du dich traust

Du bist bereit dazu, dich dem altmodischen Grusel hinzugeben? ...bist du nicht! Aber dir kann geholfen werden.
Bereite dich gründlich vor. Achte darauf, dass dein Tag deine Nerven gnadenlos überstrapaziert. Korrigiere die Aussprache deines Vorgesetzten beim Morgenmeeting, frag deine Freundin, ob sie zugenommen hat und tank dein Auto an der teuersten Tankstelle der Umgebung mal wieder so richtig voll. Dann fahr heim und sorge dafür, dass du allein in deiner Wohnung bist. Wirklich allein. Mutterseelenallein. Verdunkle dein Fernsehzimmer, bis selbst eine Fledermaus darin eine blinde Eule wäre, leg dein goldenes Taufkettchen um deinen Hals und stelle deine Erstkommunionskerze auf den Beistelltisch. Dann drücke PLAY und folge der rußigen Stimme von Vanessa Redgrave in den erlesenen Abgrund einer wahrhaft Gläubigen. Einer toten Gläubigen.

Leon hat seiner tiefreligiösen Mutter vor langer Zeit den Rücken gekehrt und sich von ihr abgewandt, wie er sich von Gott dem Herren abgewandt hat. Weil Leon nicht glaubt, schon gar nicht an Gott und erst recht nicht an Engel. Immerhin ist es der fanatische Engels-Glaube einer dubios christlichen Sekte gewesen, der seinen Vater in den Selbstmord getrieben hat. Doch nach dem mysteriösen Tod seiner Mutter kehrt der verlorene Sohn heim in ein Haus, das er bisher nie betreten hat. Er muss sich um ihr Testament kümmern und ihrer unsterblichen Seele eine allerletzte Frage stellen. Aber wehe ihm, wenn die Kerzen ausgehen und die Dunkelheit ihn umfängt. Denn in dieser Dunkelheit lauert etwas. Und diese Etwas ist so gar nicht tot, aber dafür hungrig. Verdammt hungrig.

Mag sein, dass ich voreingenommen bin, aber wenn der Gründer und geistige Vater des kanadischen Horror-Magazin „Rue Morgue“ seinen ersten Spielfilm auf die große weite Welt loslässt, und er hat ihn ausgiebig losgelassen, der Film wurde auf über zwanzig internationalen und vor allem namhaften Festivals gezeigt, dann bin ich nicht nur neugierig. Dann bin ich in allerhöchster Alarmbereitschaft. Immerhin ist Rodrigo Gudiño, der sich selbst gern als Vincent Price fürs 21. Jahrhundert inszeniert, auch als Regisseur kein unbeschriebenes Blatt. Seine maßgeblich vom Werk Alejandro Jodorowskys inspirierten Kurzfilme wurden mehrfach preisgekrönt.

The Last Will and Testament of Rosalind Leigh hat, jenseits eines erschreckend langen Titels, etwas Grundlegendes zu bieten, das modernes Kino nahezu vollkommen vermissen lässt: ein Konzept. Aaron Poole, der nicht nur blendend aussieht, sondern auch durch eine von kleinen Gesten getragene, konzentriert überzeugende Darstellung besticht, ist als Antworten suchender Sohn Leon Leigh in dieser perfiden „one man one ghost show“ nicht nur omnipräsent, er ist quasi die einzige physische, menschliche Präsenz überhaupt. Alle anderen Handlungsträger werden auf ihre Stimmen reduziert. Die jenseitige Mutter aus dem theatralischen Off, die sachlich kühle Freundin am Telefon, eine besorgte Nachbarin draußen vor der Tür, aber vor allem auch hinter der selbigen verborgen. Nur Leon ist sichtbar. Leon und hunderte Engelstatuen in allen Formen und Größen, die das Haus der Verstorbenen in ein katholisch okkultes Schreckenskabinett verwandeln, das man seinem schlimmsten Feind nicht als Erbe wünschen würde.

Gudiños Film wird in den ersten Minuten von hyperrealistischen Stillleben getragen. Wiederkehrende establishing Shots erleichtern die Orientierung, neigen aber zur Redundanz. Als habe jemand einen dicken gelben Leuchtstift bemüht, um das Wesentliche nachhaltig zu unterstreichen. Die bis an den Bildrand mit Ausstattung vollgemüllten Standbilder wirken oft beliebig, auch die Kamerafahrten folgen keiner ersichtlichen Choreographie sondern reiner Willkür. Mag sein, dass der Teufel, oder der Engel, oder eben der Grusel im Detail stecken, doch auf einem dermaßen überfrachteten Set kann genau dieses Detail verloren gehen.

Die Texte der Mutter sind philosophisch, prägen das Geschehen aber zu nachhaltig. Leicht könnte man das unwohle Gefühl entwickeln, einer Lesung beizuwohnen, die von einer engelfanatischen Diashow plakativ bebildert wird.
Gerade will man lästern und das Gezeigte als belanglos abtun, da schleicht es sich ein, das Grauen. Denn das Unheimliche in diesem Film ist so subtil, wie der religiöse Tand aufdringlich. Kommt es dann schließlich zum überraschenden Schockmoment, sitzt dieser absolut präzise und fährt einem gnadenlos durchs Gebein. Nicht punktuell, sondern als diffizile, panische Welle, die sich genüsslich ein paar kathartische Sekunden gönnt.
einundzwanzig, zweiundzwanzig… ich fürchte mich immer noch… vierundzwanzig, fünfundzwanzig...
Doch Angst, das ist etwas sehr Persönliches und die spezielle Form der Furcht nicht auf jeden Einzelnen übertragbar. Und wer sich nicht fürchtet, weil dämonischer Engelskram ihn einfach kaltlässt und er doch lieber knietief durch Eingeweide watet und Schädeldecken spaltet, für den wird der Film wohl nicht viel mehr sein als überambitionierter, unglücklicher Kitsch. Aber lasst euch eines sagen, ich hätte beinahe einmal weggeschaut. Und dieses beinahe Wegschauen, das gibt mir einen Teil meiner filmischen Unschuld wieder, versetzt mich in eine Zeit zurück, in der mich die Friedhofsszene in „Das Omen“ dazu gezwungen hat, die Augen zu schließen. Genau in solchen Momenten weiß ich, warum ich ihn liebe, den Horror.

Und jetzt, lieber Leser, sag mir: Wie hast du es mit der Religion?

The Last Will and Testament of Rosalind Leigh

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