Makabre Klassiker

Es scheint wohl ein Phänomen unserer Generation zu sein: Auch bei uns war Vorlesen (meistens) Papas Job, und ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, was das für ein Gefühl war, im Bett zu liegen mit meinen 800 Kuscheltieren (die ich vor dem Schlafen immer alle an meinen imaginären Traumübertragungsapparat anschloss, aber das ist eine andere Geschichte) und der vertrauten Stimme zu lauschen. Ein Glücksgefühl, das man später nur noch sehr selten hat. Gelesen wurden natürlich Märchen, Astrid Lindgren usw.; sehr lebhaft im Gedächtnis geblieben ist mir auch noch ein Buch über ein Ferkel namens Onno. Da gab es einen Protagonisten, der Onkel Schweinsbär hieß und den ich bis heute nicht vergessen konnte.
Daneben gab es bei uns aber auch noch die Geschichten, die man aus pädagogischen Gründen heute nur noch im Giftschrank der Kinderliteratur findet. Max und Moritz von Wilhelm Busch zum Beispiel, die Hühner mit an Schnüren befestigten Brotstücken umbringen, ihren Lehrer foltern, ritsche-ratsche voller Tücke eine Lücke in die Brücke sägen, damit der örtliche Schneider in den Fluss fällt und die am Ende zurecht in eine Kornmühle gestopft werden und als kleine Körnchen in Max- und Moritz-Form wieder raus rieseln. Unvergesslich!
Oder auch die „Struwwelliese“, das weibliche Pendant zum -peter, die uns lehrte, dass man nicht frech zur Familie sein und sich ordentlich waschen und kämmen soll, damit man am Ende nicht der epischen Gerechtigkeit eines schrecklichen Autounfalls zum Opfer fällt.
Weil meine Eltern Musiker sind, wurde nicht nur vorgelesen, sondern auch vorgesungen, dazu Gitarre oder Klavier gespielt. Dabei erinnere ich mich vor allem an das Lied vom standhaften Zinnsoldaten. Es erzählt ein Märchen von Hans Christian Andersen und ist an Tragik eigentlich kaum zu überbieten: Ein einbeiniger Zinnsoldat verliebt sich in eine Tänzerin aus Papier, fällt aus dem Fenster, übersteht eine Odyssee durch die Kanalisation und wird am Ende samt seiner Geliebten von einem achtlosen Jungen (den ich bis heute hasse) in den Ofen geworfen – die Liebenden verbrennen. Obwohl ich jedes Mal in Tränen ausgebrochen bin, wenn ich dieses Lied hörte, konnte ich nicht genug davon kriegen. Gleiches gilt für das Lied von den „Zwei Königskindern“, die sich nur sehen können, wenn der Junge nachts durch einen dunklen Fluss schwimmt, an dessen anderem Ufer seine Liebste Kerzen aufstellt. Am Ende ertrinken beide, dank einer Nonne, die aus reiner Boshaftigkeit die Kerzen auspustet. Wie hat mich diese Grausamkeit erschüttert, wie habe ich dieses Lied geliebt.
Und, haben uns diese aus heutiger Sicht eigentlich unzumutbaren Geschichten geschadet? – Die einen sagen so, die anderen so!
Mein Vater hat einmal den Verdacht geäußert, er sei vielleicht wegen seiner damaligen Literatur- und Musikauswahl nicht ganz unschuldig an meinem makabren Wesen – mag sein, Papa. Und wenn es so ist, sage ich dafür heute einfach mal danke, denn ohne diese ganze fragwürdige Inspiration wäre ich vielleicht nie auf die Idee gekommen, meine grenzwertige Phantasie in dem schönen Genre namens Horror auszutoben.

Vorlesen

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