Mal auf den Punkt gebracht

Wir leben in einem Rechtsstaat. In einer pluralistischen Gesellschaft ist das für die Mehrheit ein Vorteil, für wenige ein Nachteil. Dass diese Minderheit den Rechtsstaat dann doof findet, ist schon nachvollziehbar. Ein Vorteil des Rechtsstaats ist die rechtliche Garantie eines Zusammenlebens der Menschen in gleicher persönlicher Freiheit, d.h. auch das Recht auf körperliche, seelische und materielle Unversehrtheit. Hieraus folgt, dass u.a. sexuelle Belästigung und Diebstahl strafbewehrt sind, und zwar unabhängig davon, wer Opfer und wer Täter*in ist.

Bei den Vorgängen in der Silvesternacht denke in erster Linie an die Opfer, ihnen gehört mein Mitgefühl und es begleitet sie mein Wunsch, dass sie die traumatischen Erlebnisse schnell und nachhaltig verarbeiten mögen. Dabei ist es mir vollkommen egal, ob ein Opfer deutscher Herkunft, eine niederländische Touristin oder ein Flüchtling ist. Es ist mir zunächst auch vollkommen egal, welche diversen Hintergründe oder Kindheiten die Täter haben, sie machen die Taten nicht weniger verabscheuungswürdig.

Es ist leider so, dass solche Übergriffe in Deutschland ab und an vorkommen (z.B. auf dem Oktoberfest). Dass sie aber Alltag, also Bestandteil unserer Alltagskultur, wären, wie Karin Elisabeth wohl aus der verständlichen Emotionalität heraus schreibt, ist dann doch eher übertrieben.

Geradezu infam ist es, wenn die Opfer mit der Bezeichnung "deutsche Frauen" rassistisch diskriminiert oder als "Nazi-Bräute" als Lügnerinnen des rechtsextremen Rands bezeichnet werden. Ich stelle mir nur einmal für eine Sekunde (eine längere Zeit wäre noch unerträglicher) vor, was geschrieben worden wäre, wenn eine Horde Männer in eine Flüchtlingsunterkunft eingedrungen wäre, die dort untergebrachten Frauen begrapscht und ihnen Geld und Handys geklaut hätte. Ein Satz wie "Was würden wohl eingeschleuste Neger-Bräute aussagen?" wäre zudem vollkommen zu Recht auf das Schärfste verurteilt worden.

Ein Titel wie "sexuelle Gewalt auf den Straßen ist dem rechten Gesocks gerade recht" erinnert fatal an die Stürmerdiktion - eben nur spiegelverkehrt. Versatzstücke aus dem "handbuch für den kleinen anarchisten" verhöhnen die Opfer, ermutigen die Täter und leisten keinen Beitrag zur Lösung der vielschichtigen Problematik. Zum Glück ist unsere Gesellschaft nicht krank, sondern so gesund, dass sie auch solche Meinungsäußerungen tolerieren kann.

#kölnhbf