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„Man soll nicht ein Schattenreich aufbauen...“ Der Anschlag auf das Oktoberfest und die deutschen Geheimdienste

Vor 35 Jahren und drei Tagen erschütterte der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik das Land. In der aufgeheizten Atmosphäre des Bundestagswahlkampfs von 1980 detonierte vor dem Haupteingang des Münchener Oktoberfestes eine mit 1,39 Kilogramm TNT sowie Schrauben und Nägeln bewährte Bombe, tötete 13 Menschen und verletzte 211 weiter zum Teil schwer. Franz Josef Strauß, der Kanzlerkandidat von CDU/ CSU brachte den Anschlag sofort mit der RAF in Verbindung und nutzte ihn als Munition im Wahlkampf gegen die sozialliberale Koalition um Kanzler Helmut Schmidt.

Die Ermittlungen führten jedoch rasch in eine andere Richtung. Der als Täter identifizierte und bei dem Anschlag selbst ums Leben gekommene Gundolf Köhler war Aktivist der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), einer bis an die Zähne bewaffneten paramilitärischen Formation mit mehreren hundert Mitgliedern. Die in den 70er Jahren durch ihren exzentrischen Anführer Karl Heinz Hoffmann medial sehr präsente WSG war Anfang 1980 vom damaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum gegen den Widerstand der CSU verboten worden.

Vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse – der polarisierende Bundestagswahlkampf, das WSG-Verbot – erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass ein Mann aus dem Umfeld dieser Gruppe sich aus reiner Frustration in die Luft auf dem Oktoberfest mit militärischem Sprengstoff in die Luft jagt. Zeugenaussagen berichten davon, dass Köhler kurz vor dem Anschlag mit anderen im Gespräch mit anderen Männern gesehen worden war. Dass die Einzelgängerthese bis 2014 als offizielle Tatversion galt, spricht vor dem Hintergrund des fragwürdigen Vorgehens der Behörden in den 80er und 90er Jahren entweder dafür, dass deren kolossales Versagen vertuscht werden sollte, oder aber die deutschen Geheimdienste mehr über die Hintermänner des Anschlags wussten, als sie zugeben wollten.

Ausmaß und Kontext des Anschlags lassen die Vermutung plausibel erscheinen, dass rechte Kräfte durch eine Strategie der Spannung im Bundestagswahlkampf eine Atmosphäre der Angst erzeugen, und den als rechten Hardliner geltenden Franz Josef Strauß zu Wahlsieg verhelfen wollten. Die Strategie der Spannung – anonyme Anschläge gegen Zivilisten mit dem Ziel, diese der radikalen Linken in die Schuhe zu schieben und damit das gesellschaftliche Klima für einen rechten Umsturz zu erzeugen – wurde in Italien angewandt, wo rechte Terrorgruppen mit engen Verbindungen zu den italienischen Geheimdiensten bis in die 80er Jahre zahlreiche Terroranschläge verübten.

Wenige Wochen vor dem Anschlag in München verübten rechte Terroristen in Bologna den verhehrendsten Bombenanschlag in Italiens Nachkriegsgeschichte mit über 80 Toten. Polizeiliche Ermittlungen ergaben dass eine Nato-Geheimstruktur nahmens Gladio tief in den rechten Terror dieser Zeit in Italien verstrickt war. Gladio war, wie der frühere italienische Minispräsident Giulio Andreotti Anfang der 90er Jahre erklärte, Teil eines europäischen Stay Behind-Netzwerkes, das im Falle einer sowjetischen Invasion im besetzten Hinterland militärisch aktiv werden sollte. Inzwischen ist bekannt, dass es auch eine deutsche Stay Behind-Organisation gab, die eng mit ihren europäischen Partnern zusammen arbeitete. Nicht alle, aber einige dieser Organisationen – neben Italien auch in Belgien, Luxemburg und der Türkei – werden mit rechtsterroristischen Aktionen in Verbindung gebracht.

Was hat Stay Behind nun mit der WSG zu tun? Die Organisation hatte Kontakt zu einem Lüneburger Neonazi Namens Heinz Lembke, der über dass größte bei rechtsradikalen Aktivisten gefundene Waffenarsenal in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte verfügte, darunter große Mengen Armeesprengstoff und Munition. Im Falle einer sowjetischen Invasion wollte er einen Partisanenkrieg hinter den Frontlinien starten. Im Zuge der Ermittlungen zum Anschlag auf das Oktoberfest geriet Lembke als potentieller Sprengstofflieferant ins Visier der Fahnder. Ob er tatsächlich Mitglied der Stay Behind-Organisation war, lässt sich mit den zugänglichen Materialien nicht belegen. Lembke selbst fand man, kurz nachdem er sich in der Untersuchungshaft zur Aussage bereit erklärt hatte, erhängt in seiner Zelle. Sowohl seine Absichten, als auch sein in 33 Depots gelagertes Waffenarsenal stimmen mit der Vorgehensweise von Stay Behind überein.

Offensichtlich ist, dass die Ermittler lange Zeit versuchten, den Anschlag zu entpolitisieren und Köhler als frustrierten Einzeltäter einzustellen. Zeugen, die der Einzeltäterthese widersprachen, wurden eingeschüchtert und genötigt ihre Aussagen zurückzuziehen. Beweise, die die offizielle Tatversion in Frage stellten, darunter eine abgetrennte Hand, die keinem Opfer zugeordnet werden konnte, wurden nach wenigen Jahren gegen anderslautenden Regeln vernichtet.

Durch den NSU-Skandal wurde bekannt, dass Verfassungsschutz (VS) und Bundesnachrichtendienst (BND) bestens in der rechten Szene verankert sind. Seit der Radikalisierung der rechten Szene ab Ende der 60er Jahre, waren die bundesdeutschen Nachrichtendienste, ebenso wie andere Geheimdienste, in der rechten Szene aktiv. Auch in Hoffmanns Privatarmee gab es mehrere VS-Agenten.

„Man soll nicht ein Schattenreich aufbauen über das hinaus, was existiert“, erklärte der damalige bayerische Innenminister Gerold Tandler von der CSU zu den möglichen Gefahren rechter Terrorgruppen noch wenige Wochen vor dem Anschlag. Inzwischen dürfte klar sein, dass dieses Schattenreich existiert. Bis heute ist unklar, welche Rolle deutsche Geheimdienste in diesem Schattenreich spielten und womöglich noch immer spielen.

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