Mark Zuckerberg, du hast mein Leben zerstört.

Mark Zuckerberg, du hast mein Leben zerstört. Na ja, nicht wirklich. Aber du hast dieses krakenarmige, gefräßige Monster erschaffen, dem ich schon so viele meiner Stunden in den Rachen geworfen habe, dass ich gar nicht drüber nachdenken will. Was hätte ich alles in der Zeit machen können, die ich auf Facebook (womit eigentlich?) verbracht habe – dabei war und bin ich längst nicht so aktiv wie viele andere.
„Hey du!“, flüstert mir das Monster zuverlässig zu bestimmten Zeiten im Monat ins Ohr. „Du hast Redaktionsschluss und musst noch zehn Texte fertigmachen? Ach, komm. Ich seh doch, dass du keinen Bock drauf hast. Guck doch lieber mal hier, was deine Freunde Neues geposted haben, und hier, die ganzen Leute, die du gar nicht kennst! Aha, es regnet also in München, und sieht diese HSV-Torte, die deine Ex-Arbeitskollegin für ihren Freund gebacken hat, nicht abscheulich aus? Wie gefallen Dir die neuen Kinder deiner Grundschulfreundin? Was macht eigentlich die Politik? All die interessanten Magazine und Blogs, die du abonniert hast, was schreiben sie Schönes? Und auf den Kunstseiten, die dir irgendwann mal gefallen haben, gibt es noch mindestens 1000 coole surrealistische Grafiken polnischer Maler aus dem 19. Jahrhundert, die du noch nicht kennst! Außerdem hatte dich doch deine Cousine dazu nominiert, deine fünf Lieblingssongs an fünf Tagen zu posten, darüber könntest du dir doch jetzt eigentlich auch mal Gedanken machen. Und was macht eigentlich Miley Cyrus?“ usw. usw.
Natürlich interessiert mich das meiste von dem, was in meinem Newsfeed erscheint, nicht wirklich – aber sich durch diesen sich ewig erneuernden Wust von Bildern, Videos und Texten zu scrollen ist so eine herrlich-stumpfe und manchmal einfach unwiderstehliche Art zu prokrastinieren, die ich allerdings, wie viele andere auch, heute längst nicht mehr so intensiv betreibe wie noch vor zwei Jahren.
In letzter Zeit häufen sich die Gerüchte, das Monster habe sich mit einer tödlichen Krankheit namens Desinteresse infiziert. Eine Studie der Princeton-University aus dem letzten Jahr prognostizierte den Untergang von Facebook bereits für 2017. Bis dahin sollen 80 % der User abgewandert sein. Schon in zwei Jahren also wird das größte soziale Netzwerk nur noch tot und traurig da liegen wie ein gigantisches Dinosaurierskelett, im luftleeren Raum des Datenuniversums dahintreibend und dem stillen Vergessen geweiht. Eine irgendwie unheimliche Vorstellung, rein ästhetisch gesehen.
Lustigerweise wird das Ende von Facebook in o.g. Princeton-Studie mit der Ausrottung der Pest verglichen - was natürlich ein ganz schön hartes Urteil ist. Klar hat das blau-weiße Mistvieh jahrelang deine Zeit und Lebenskraft gefressen und ist dabei immer fetter und fetter geworden. Klar hat es dich verraten und verkauft, und zwar alles, was du ihm von dir erzählt hast. Aber zumindest ich werde 2017 mit einem lachenden und einem weinenden Auge am Grab des ollen Krakens stehen, sollte die Princeton-Prophezeiung tatsächlich eintreten. Denn es hat und hatte auch seine guten Seiten, dieses Monster namens Facebook. Zum Beispiel hat es mir jahrelang ermöglicht, mit Freunden aus der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben und war mir gerade in Sachen beruflicher Vernetzung schon oft von unschätzbarem Wert. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich doch ganz froh, es gekannt zu haben, auch wenn es vor allem eine Zweckbekanntschaft war. Von daher auch ein bisschen danke, Mark Zuckerberg, und nein: Du hast mein Leben nicht zerstört, wenn auch sicher um ein paar Tage verkürzt.

facebook

http://www.theguardian.com/technology/2014/jan/22/facebook-princeton-researchers-infectious-disease