Mea vulva, mea maxima vulva

Kennt ihr das Gefühl, dass euch eine bestimmte Sache persönlich weitergebracht hat? Eine geborgte Idee, die eure Phantasie beflügelt. Ein unbekannter Blickwinkel, der euren Horizont erweitert. Eine fremde Erkenntnis, die euren müden Geist strapaziert, bis er selbst erkennt. Emotionale, intellektuelle, soziokulturelle Evolution sozusagen. Seid wachsam und seid bereit!

Dogma-Begründer und Regie Enfant terrible Lars von Trier ist nicht nur berühmt, er ist berüchtigt. Berüchtigt dafür, dass er seine Schauspieler fordert, quält, brutal an ihre Grenzen führt, um sie darüber hinaus und in die totale Selbstauflösung zu treten. Genau genommen macht er das im Kleinen auch mit seinem Publikum, weshalb dieses sein Schaffen entweder hingebungsvoll verehrt oder nur beim Gedanken an ein neues Machwerk des cineastischen Quälgeists bereits das große Würgen bekommt. Tatsächlich ist Nymphomaniac eine fünfeinhalb Stunden lang andauernde Qual, aber diese Qual birgt so viel Geist, dass einem die Konvention wie Schuppen von den Augen fällt.

Ich zolle Respekt.

In einer finsteren, eiskalten Nacht rettet Seligman, der zwar kein Heiliger, aber durchaus ein Gelehrter ist, einen Menschen. Eine Frau namens Joe, die, verprügelt und geschmäht, regungslos in einer Gasse liegt. Er bringt sie in seine Wohnung, leiht ihr seinen Pyjama, überlässt ihr sein Bett. Bei einer Tasse Tee teilt sie dafür ihr Intimstes mit ihm. Nicht ihre Körperlichkeit, sondern ihr Leben, ihre Geschichte. Die schonungslos ehrliche Beichte einer Nymphomanin. Mit all ihren Episoden, vom ersten blasphemischen Orgasmus bis hin zur völligen Zerstörung ihrer Möse, will sie beweisen, dass sie schlecht ist. Doch Seligman hält dagegen, mit Wissenschaft, Literatur und Religion. Er kennt die Antworten, doch das Schlechte in ihr, das kann und will er nicht erkennen.

Es ist eine Offenbarung, wie prägnant und dennoch absolut Lars von Trier Welt und Gesellschaft rezipiert, interpretiert und auf eben diese wieder loslässt. Ungefiltert, gnadenlos, schmerzhaft, endgültig. Nymphomaniac ist ein epochales Mammutwerk. Wer in seiner Klassifizierung bescheidenere Worte wählt, der ist an einem der Steine des Anstoßes, und der solchen hat der Film wahrlich genug zu bieten, mit seiner gutbürgerlichen, pseudomoralischen Weltoffenheit zerbrochen. Zerrschellt an der ungeschminkten, wortwörtlich pornographischen Wahrheit.
*kling*
Kannst du hören, wie sie zerbricht, die Verblendung, die Bigotterie? Zerbricht an einem verehrten Vater, der sich im Delirium des Sterbens in der eigenen Scheiße wälzt. Zerbricht an Joe, die am Fußboden ihrer Küche mit Stricknadel und Kleiderbügel an sich selbst eine Abtreibung vornimmt, weil das Sozialsystem ihr die Hilfe verweigert. Zerbricht an einem wahrhaft perversen Doppelstandard, an einer Scheinmoral, die Frauen immer und immer wieder zu Sündern macht.
Charlotte Gainsburg, die sich dem choreographierten Wahnsinn und dem emotionalen Entgleisen des Filmemachers bereits ein drittes Mal ausliefert, beeindruckt in der Rolle der Joe so sehr, dass man es nicht mit Worten bewerten, sondern nur mit Gefühlen beschreiben kann. Man weint, man lacht, man leidet und ja verdammt, man empfindet Lust mit Joe. Aber auch an sonst blasse Hollywoodstars wie Christian Slater oder Shia LaBeouf liefern eine authentische, pointierte Leistung ab, die einen gefangen nimmt und immer tiefer hinab in die Abgründe der Geschichte zieht, bis man atemlos gesteht:

Ich verstehe… Hätte ich bloß nicht verstanden.

Danke Lars, dass du jedes Mal wieder aufs Neue meinen Glauben an die Menschheit und mein Weltbild erschütterst. Denn so wird das Bild niemals erstarren und der Glauben vielleicht eines Tages zurückkehren. Weil du mich persönlich weiterbringst und ich an deiner Idee, deinem Blickwinkel und deiner Erkenntnis wachse.

Nymph()maniac I II

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