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Mein Freund Gregor oder Gregors Exit (Grexit)

Vor einiger Zeit zog mein Freund Gregor in unsere Wohngemeinschaft ein, ein freundlicher, lebenslustiger Geselle, der uns alle mit seinem Charme und seinem Lächeln im Handumdrehen für sich gewann. Die Frage, ob er denn seinen Mietanteil monatlich leisten könne, bejahte er ohne Zögern. Er hätte einen guten Job und er würde fleißig arbeiten.
Nach ein paar Monaten kam Gregor zu mir und bat mich, ihm 1.000 EUR für eine Autoreparatur zu leihen. Es sei gerade etwas knapp bei Kasse, da er seiner Tante väterlicherseits einen höheren Betrag für einen Griechenlandurlaub geliehen habe. Ich hatte gerade etwas Geld für neue Möbel und einen Fernsehapparat gespart, die ich mir aber erst am Ende des Jahres zu Weihnachten zulegen wollte. „Bis dahin hast du dein Geld allemal zurück“, erklärte Gregor im Brustton der Überzeugung. Nun gut, ich gab ihm das Geld. Wie ich später erfuhr, lieh sich Gregor ein paar Tage später von anderen WG-Mitgliedern auch einige hundert Euro.
An einem trüben Samstagnachmittag im November klopfte es und auf mein „Jepp“ hin steckte Gregor seinen Kopf durch den Türspalt. „Hast du mal einen Moment Zeit für mich?“, fragte er mit leiser Stimme und kam – ohne meine Antwort abzuwarten – herein. „Du hast mir doch damals die 1.000 EUR geliehen.“ „Ja.“ „Die kann ich dir nächsten Monat leider doch noch nicht zurückzahlen.“ Stille. Dann: „Und die Miete für die nächsten Monate werde ich auch nicht zahlen können.“ Nachdem ich mich von dem Schock halbwegs erholt und meine im Kopf schwirrenden Gedanken weitgehend eingefangen hatte, sagte ich ihm: „Gregor, du bist unser Freund. Wir werden dich nicht hängen lassen, aber wir sollten alle darüber sprechen und gemeinsam versuchen, eine Lösung deiner Probleme zu finden.“
Noch am selben Abend saßen wir alle zusammen, und der ganze Umfang der Gregorschen Probleme kam peu à peu zum Vorschein: Seine vermeintlich so lukrative Beschäftigung war, so musste er zugeben, ein Halbtagsjob im Großmarkt, der erstens nicht viel Geld einbrachte und zweitens auch keinerlei Aussicht auf das Erklimmen einer Karriereleiter bot. Zudem hatte sich sein Schuldenberg bei uns auf stolze 5.000 EUR angehäuft. Ich ging die Sache an, wie man solche Sachen eben angeht, und trug vor: „Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens könnten wir dir jeden Monat einen gewissen Geldbetrag als Subvention zukommen und dich unentgeltlich bei uns wohnen lassen. Zweitens könntest du dir Mühe, deine Einnahmen zu erhöhen. Schließlich könntest du versuchen, deine Ausgaben zu reduzieren.“
Wir Gläubiger waren uns einig, dass die erste Alternative überhaupt nicht und die beiden anderen nur gemeinsam zum Ziel führen konnten. „Das ist eine tolle Idee“, antwortete Gregor. „Ich werde mich sofort morgen hinsetzen und eine entsprechende Liste verfassen. Die Umsetzung wird aber nicht von heute auf morgen möglich sein, so dass ich euch bitten muss, mir die Miete für die nächsten drei Monate noch zu stunden und mir ein weiteres Darlehen in Höhe von 500 EUR zu gewähren.“ Gregor war unser Freund und wir wollten ihm helfen. Also stimmten wir seinem Vorschlag zu und gaben uns darauf die Hand.
Nach drei Monaten saßen wir wieder zusammen und ließen uns von Gregor vortragen, welche Anstrengungen er zur Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage unternommen hatte. „Es ist nicht so leicht“, fing er an. „Ich bekomme einfach keinen besseren Job. Und die Ausgabenseite ist so starr, dass ich auch hier nichts bewegen kann.“ Ich warf ein: „Wie wäre es denn, wenn du das deiner Tante väterlicherseits gewährte Darlehen zurückfordern würdest? Dann könntest du wenigsten deine Mietschulden begleichen.“ „Unmöglich, das kann ich meinem Tantchen nun wirklich nicht zumuten.“ „Und wenn du deine wöchentlichen Besuche beim Italiener auf einen monatlichen Zyklus strecken könntest?“ „Das ist doch der einzige Luxus, den ich mir noch leiste“, polterte Gregor. „Außerdem seid ihr doch selbst schuld, ihr hättet mir die Darlehen ja nicht geben müssen. Nun habe ich mich an meinen Lebensstandard gewöhnt und kann nicht mehr zurück. Ich bitte euch daher, mir noch einmal 1.000 EUR zu leihen, das wäre doch nur fair. Außerdem solltet ihr mir alle bisherigen Darlehen weitgehend erlassen. Mir hingegen Sparzwänge aufzuerlegen und mich zu zwingen, von meiner Tante Geld zu fordern, ist unmenschlich und hat ja schon fast terroristische Dimensionen.“
Nach kurzer Beratung haben wir unseren Freund Gregor aus der WG geschmissen. Wie sagte Jan, der für seine scharfe Zunge berüchtigt ist, so treffend? „Gregors Exit, Grexit!“. Ab und zu schaffen wir es, ein paar Euro von ihm einzutreiben, denn ganz wollen wir nicht auf unser Geld verzichten.

Griechenland-Krise