Mit Walisisch gegen die Maschinerie des Mainstreams - ein betörendes Konzeptalbum

Gwenno
Y Dydd Olaf

Wer zur Hölle ist Olaf? Ein Schwarm von Gwenno Saunders? Vermutlich eher nicht. Der Titel dieses Albums, „Y Dydd Olaf“, kann nämlich am ehesten mit „Der letzte Tag“ übersetzt werden. Darauf zehn Stücke, neun davon walisisch, eines in der eigentlich toten, erfolgreich reanimierten Sprache Cornisch gesungen. Gwenno, früher Sängerin und Keyboarderin der frechen Girl-Group The Pipettes, zelebriert derweil beileibe keinen folkloristischen Traditionalismus à la „Korbflechten im Freilichtmuseum mit autochthoner Tanzgruppe“. „Y Dydd Olaf“ ist ein sehr universell zeitgenössisches, politisches und elektronisch geprägtes Album.

Nicht nur dem gelernten Mitteleuropäer kommt die walisische Sprache, die geschätzt gerade einmal 750.000 Personen beherrschen, wie von einem fremden Planeten vor. Sie garantiert unweigerlich eine gewisse Exklusivität. Genau darin, legt Gwenno nahe, steckt etwas Subversives, eine Chance: Die Behauptung kultureller Identität und regionaler Gemeinschaft – das Schottland-Referendum lässt grüßen - soll ein Mittel sein, einer stetig ausgreifenden, erstickenden Umarmung durch Regierungen und Konzerne Paroli zu bieten. Die Songs auf „Y Dydd Olaf“, inspiriert vom gleichnamigen, 1976 erschienenen dystopischen Science-Fiction-Roman ihres Landsmanns Owain Owain, fügen sich so zu einer Parabel, die das Unbehagen des Einzelnen gegenüber einem nivellierenden und nach totaler Kontrolle gierenden Mainstream kämpferisch formuliert.

Dabei glaubt man Letzteres erst gar nicht. Wenn Gwenno ihre zarte, bestrickende Stimme erhebt, nachdem das unter Knistern herbei eiernde Intro von „Chwyldro“ in einen stoischen Midtempo-Groove übergeht, wird nichts weniger als „Revolution“ gefordert. Oder auch: Man muss es glauben, was die beigefügte englische Übersetzung dolmetscht.

Bei den Pipettes standen meist witzige und griffige Songs in klassischer Girl-Group-Manier an. Hier tüftelt Saunders an quasi retro-futuristischen Klangflächen und verquickt dabei ingeniös die Pionierarbeiten von Joe Meek („I Hear A New World“, 1960) und Delia Derbyshire (die u.a. 1963 das epochale „Dr. Who“-Thema aus Tape-Loops zusammenmontierte) mit späterem Space- und Krautrock. Gerade durch die Elemente, die wie Echos aus Meeks Studioklitsche oder dem BBC Radiophonic Workshop immer wieder vibrierend oder tremolierend den Mix kreuzen, entsteht eine einzigartige Räumlichkeit. Dazu gesellt sich das beträchtliche, oft experimentierfreudige Schaffen walisischer Bands aus den 1960er bis 80er Jahren, deren Wirkungsgrad regional beschränkt blieb. Man ahnt es: der Sprache wegen.

In Gwennos Kompositionen schlägt das Herz des Pop. Manches Mal schweben sie wie kühle Nebel über dem Dancefloor. Die Melodien, intoniert im luftigen Stile französischer Chanteusen wie Françoise Hardy, sind eingängig, bisweilen hymnisch, verträumt und geradlinig einfach. In ihren Extremitäten und an den Oberflächen fransen die Lieder jedoch zu schillernden Wesen aus. Ein Sägezahnsynthie bringt sich mit schrillem Brööööh in Anschlag, ein anderer frisst stur wie eine Raupe eine programmierte Schneise in einen ausklingenden Song. Vom Hall und Vibrato zerbeulte Gitarren- und Pianomuster gondeln durch die Räume, in denen sich die Erzählung entfaltet. Die Kreise von Mensch und Maschine überschneiden sich hier immer wieder.

Gwenno liefert damit einen geradezu hypnotisierenden, fabulösen Soundtrack und zugleich Gegenentwurf zur Kontrollgesellschaft. Im Roman „Der letzte Tag“ werden Menschen von Robotern nach und nach in willenlose Clone verwandelt. Der widerstrebende Erzähler schreibt heimlich Tagebuch, in einer Sprache, die die Maschinen nicht drauf haben: Walisisch.

Gwenno: Y Dydd Olaf

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