Mit dem Terror leben. Solange der Kaffee billig bleibt

Die ganze Welt betet für Belgien. Die ganze Welt? Nein, vermutlich nicht. Denn in vielen anderen Regionen gehören Ereignisse wie in Brüssel zum Alltag. Insbesondere in den korrupten postkolonialen Regimen Afrikas und des nahen Ostens und mittleren, die von den Großmächten USA, EU, Russland, China und Japan und deren Konzernen aus ökonomischen und machtpolitischen Motiven gestützt werden.

Die okönomische Globalisierung, die der politischen Kolonialisierung der 3. Welt folgte und nach der Entkolonialisierung noch intensiviert wurde, ist wie ein Tornado durch die dortigen Gesellschaften gefegt. Bestehende ökonomische und gesellschaftliche Strukturen wurden im Eiltempo zertrümmert und ganze Regionen in Plantagen, Ölfelder und Minen umgewandelt.

Übrig blieben Millionen Entwurzelte und Enteignete, die keinen Platz gefunden haben in diesen Staaten, deren einziger Zweck darin besteht, billige Exportgüter für die Märkte des reichen Nordens und des fernen Ostens zu verkaufen. Sie stellen die Wirtschaftsflüchtlinge, vor denen die Kleinbürger Europas so zittern, sie füllen die Slums der dritten Welt wie die Ghettos in Europa. Sie sind die Verlierer in einer Welt, in der nur noch der frei und selbstbestimmt, vor Allem aber ohne Angst vor Armut und Unterdrückung leben kann, der genügend Geld von seinen Eltern vererbt, oder wenigstens von diesen aber die nötige berufliche Qualifikation finanziert bekommen kann.

Nein, hier soll kein Anschlag relativiert werden. Was in Brüssel passiert ist, war eine schreckliche Tragödie. Aber so manch einer in Bagdad, Nairobi oder Istanbul wird sich seinen Teil denken, wenn die Staatsoberhäupter Europas und Nordamerikas den Belgiern nun Trost und Beileid aussprechen.

So wie einst „der Westen“ mit seiner ökonomischen und militärischen Übermacht die gesellschaften Strukturen und Kulturen der restlichen Welt zerstört hat, so zertrümmert nun der sunnitische Islamismus die postkolonialen Strukturen des nahen Ostens. Ein Schakal, der aus dem Schatten des arabischen Frühlings heraus angriff und sich nun an seiner Beute weidet. Ein Monstrum, geboren gepflegt und gehegt mit westlichen Milliarden für das saudische Regime, der schützenden Mutter des Wahabismus. Ein Monstrum das, einst nützlicher Verbündeter im Kampf gegen den Sowjetkommunismus, inzwischen aber jeder Kontrolle verlustig gegangen, sich gegen seine eigenen Schöpfer und Gönner wendet.

Vielleicht liegt darin das Positive an all diesen Ereignissen. Der religiöse Fanatismus der Wahabiten und Salafisten bietet keine Alternative zur neoliberalen Weltordnung. Er vermag Länder in Schutt und Asche zu legen und brutale Regime mit archaischen Strukturen zu errichten, aber eben nicht mehr. Es ist ein Weg, der in eine Sackgasse voller Leichen und Ruinen führt. Jedoch scheint das Ende dieser Sackgasse noch nicht in Sicht zu sein.

Europa wird mit Anschlägen wie in Paris und Brüssel lernen müssen zu leben. Lange Zeit hat es sich von der Globalisierung die Sahnestücke herausgepickt. Wenn der Terror in Europa enden soll, dann müssen aber grundlegenden Probleme in der dritten Welt endlich angepackt werden. Das hat viel mehr mit Europa und den Großmächten zu tun, als sich die politischen Eliten öffentlich eingestehen wollen.

Das Kalifat von Rakka zeigt zweielerlei: 1. Die postkoloniale Ausbeutungspolitik der 3. Welt ist an einem kritischen Punkt angelangt. 2. Der sunnitische Islamismus zeigt den Muslimen seine hässliche Fratze und beweist, dass er keine Alternative zu schaffen vermag. Langfristig droht ihm das Schicksal seines schiitischen Konterparts im Iran, der viel von seiner einstigen Anziehungskraft eingebüßt hat.

Die Zukunft liegt jenseits von religiösem Hass und nationalistischer Borniertheit. Die Gefahr besteht allerdings, dass diese Zukunft von den Rauchschwaden explodierter Bomben und geschlagener Raketen noch eine ganze Weile verdeckt wird.

Der Preis, den Europa für eine neue Weltordnung zu zahlen ist, wird weitaus höher sein, als ein paar Terroranschläge, die es schon in der Vergangenheit gab. Kaffee und Schokolade werden nicht mehr billig zu haben sein wie heute, genauso wie T-Shirts aus Bangladesh. Das wird richtig weh tun.

#Brussels