Nach der Hexenverbrennung

Sicher, Gina-Lisa war eine unseriöse Galionsfigur. Aber das war ja eben das Markante an ihrem Fall: Dass unseriöse, mehrfach verplastikte und im allgemeinen als Luder verschriene Personen eben genauso Opfer sexueller Gewalt werden können wie Klosterschülerinnen und trotzdem genauso das Recht haben, dass ihr „Nein“ gehört und respektiert wird. Theoretisch.

Ja okay, ich habe Gina-Lisa ihre Geschichte abgekauft. Weil ich irgendwie der Ansicht war, niemand könne so selbstmörderisch und/oder schlecht beraten sein, eine derartige Medienkampagne aufzublasen, wenn sich die Beweislage so unglaublich ungünstig darstellt. Vielleicht stehe ich auch einfach zu sehr auf die Art von Geschichten, bei denen schräge Underdogs, denen niemand irgendwas zutraut und die von allen Seiten nur mit Scheiße beworfen werden, dann doch noch ihr Happy End kriegen. (Schuldigung, ich bin halt Autorin und keine Juristin.) Vielleicht ist auch alles eine riesengroße Verschwörung, was weiß ich. Ich will mir da kein Urteil erlauben, und es wurde ja bekanntlich auch schon eins gesprochen, wenn auch kein endgültiges.

Aber - und ich weiß, dass ich mich hier mal wieder weit aus dem Fenster hänge - auch wenn Gina-Lisa eine Falschaussage gemacht hat, hat sie dadurch m.E. weit weniger Schaden angerichtet als ihre anschließende öffentliche Komplettzerstörung. Die war eben NICHT zwingende Konsequenz ihres wie auch immer gearteten Fehltritts und hat eine Art von gesellschaftlich akzeptierter Menschenverachtung* offenbart, die einen echt das Fürchten lehrt.

Egal, ob man es nun okay findet, auf jemanden einzutreten, der offensichtlich bereits gedemütigt am Boden liegt (auch wenn dieser Jemand vielleicht einen schweren Fehler begangen hat) – das abartige und an Sexismus kaum zu überbietende Echo, das der Fall Gina-Lisa in den (v.a. "sozialen") Medien hervorgerufen hat, wird wohl zukünftig nicht gerade viele (tatsächliche) Opfer sexueller Gewalt dazu motivieren, ihr Recht auf #neinheisstnein wahrzunehmen.

Um mal eine möglicherweise etwas schiefe Analogie zu gebrauchen: Hexenverbrennung war niemals ein akzeptables Verfahren, auch wenn ganz hin und wieder mal tatsächlich eins der Opfer Dreck am Stecken hatte. Sondern, als ständige unterschwellige Drohung, in erster Linie eine grausame Praxis der systematischen gesellschaftlichen Unterdrückung.

Ich gebe Axel übrigens insofern recht, als ich ebenfalls der Meinung bin, dass auch das (nein, natürlich nicht wegen Gina-Lisa...) geänderte Sexualstrafrecht nicht weit genug reicht, Stichwort K.O.-Tropfen usw. Nicht nur in Fällen, in denen diese erschreckend weit verbreitete Methode zur Anwendung kam, bleibt es weiterhin schwierig genug für die Opfer, die für eine Verurteilung nötige Beweislast zu erbringen. Dazu kommt natürlich weiterhin die hohe Schamgrenze, die zu überwinden nicht einfacher werden dürfte nach der öffentlichen Hinrichtung von Gina-Lisa - die ja bezeichnenderweise schon weit vor der Urteilsverkündung in vollem Gang war.

Und an alle, die sich jetzt so hart um weißwestige Sympathieträger wie Pardis F. und Sebastian C. sorgen: Ruhig Blut. Allzu viele unschuldig Verurteilte muss man wohl auch in Zukunft nicht befürchten, denn was die Öffentlichkeit mit Leuten macht, die falsches Zeugnis ablegen wider ihren Nächsten, wurde uns allen ja dank Gina-Lisa eindrucksvoll vor Augen geführt.

P. S.: Wer zum Teufel ist überhaupt „Negerkalle“??

*Ein paar von tausenden Twitter-Beispielen: „War doch klar, dass die Schlampe lügt“, "Sicher ist nach Sichtung des Videomaterials nur eins: Gina-Lisa ist 2016 nicht mehr fickbar" usw.)

#neinheisstnein, Gina-Lisa Lohfink, Sexualstrafrecht, Hatespeech,

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sexualstrafrecht-alles-was-sie-zu-nein-heisst-nein-wissen-muessen-a-1101658.html