Neu: Freiflüge für Rechtsextremisten!

Im Englischen steht das Wort shame für Scham und Schande. Scham und Empörung empfinde ich derzeit fast täglich, denn in Europa und an seinen Grenzen spielt sich Schändliches ab. An Berichte, wie viele Menschen pro Wochenende bei ihrer Flucht übers Mittelmeer gerettet wurden, haben wir uns leider ebenso gewöhnt, wie an die Statistik der Ertrunkenen. Mal ersaufen einige Hundert, mal nur ein paar Dutzend. Jeder dieser meist Namenlosen setzte seine Hoffnung auf geldgierige Schlepperbanden, völlig überladene Boote und jenen Silberstreifen am Horizont, der sich Europa nennt. Mit Glück landen die Entwurzelten ausgeplündert aber lebendig in Lampedusa, Sizilien oder auf einer der griechischen Inseln. Selten beginnt dort die erhoffte bessere Zukunft, sondern fast immer das nächste Martyrium. Überfüllte Auffanglager, unfähige Behörden, überforderte Helfer, Krankheiten, Hunger und Durst, Nächte auf nacktem Beton unter freiem Himmel, und dazu die ewige Unsicherheit, ob und wie es weitergehen wird. Wer kann die Angst, den Kummer und das Leid dieser Menschen ermessen? Wer schaut hin, wer fühlt noch mit?

Jeweils 20.000 Flüchtlinge vegetieren ohne jede Versorgung auf den Urlaubsinseln Kos und Lesbos, endlose Kolonnen Verzweifelter schleppen sich zu Fuß durch die Türkei und Griechenland nach Mazedonien, in der Hoffnung von dort weiter nach Mitteleuropa zu gelangen. Viele wollen nach Deutschland, weil sie glauben hier willkommen zu sein und gut behandelt zu werden. Einmal im gelobten Land angelangt, beantragen sie Asyl und leben fortan in Zelten, Turnhallen, Containern, Kasernen, Baumärkten und alten Gasthöfen. Gut – ein überfülltes Zeltlager in München oder Hamburg (wo sich in einem Lager die Krätze ausbreitet, weil man die Kranken nicht von den Gesunden isoliert) ist vermutlich besser als ein völlig zerschossener Stadtteil in Syrien, wo der wahnsinnige Diktator Assad mittlerweile auch Krankenhäuser gezielt bombardieren lässt.

Wenn mazedonische Soldaten mit Knüppeln und Tränengas auf Frauen und Kinder losgehen, während Familienväter im Stacheldraht festhängen, ist es eine Schande. Noch bis vor wenigen Tagen durften die Flüchtlinge das kleine Land an der Grenze zu Griechenland legal durchqueren und sogar die Züge gen Norden kostenlos benutzen. Wie Vieh drängten sie sich in den wenigen Waggons, kletterten in ihrer Not durch offene Fenster ins Innere – Hauptsache weg. Nun hat Mazedonien den Ausnahmezustand ausgerufen und die Grenzen dicht gemacht. Auf eigene Initiative? Vielleicht gab es Druck aus Brüssel oder Berlin. In 4 Tagen soll der ungarische Grenzzaun fertig werden, im benachbarten Serbien kamen allein gestern 1500 Menschen in einem Behelfslager an. Viktor Orbán, in meinen Augen ein Faschist, lässt mit einer landesweiten Plakatkampagne gegen Ausländer hetzen. Heute wurde in einem völlig überfüllten ungarischen Auffanglager mit Tränengas auf Flüchtlinge geschossen.

Ich schäme mich für ein Europa der Egoisten, wo man sich nicht über eine faire Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Mitgliedsländer einigen kann oder will. Ich schäme mich, wenn Touristen auf Kos oder Lesbos die gestrandeten Flüchtlinge wie Tiere im Zoo filmen und sich dabei lautstark über das allgegenwärtige Elend beschweren, weil es ihnen den Urlaub verdirbt. Ich schäme mich angesichts der Bilder aus Calais, wo im größten europäischen Slum Tausende Flüchtlinge monatelang auf eine Chance warten, um unter Lebensgefahr illegal nach England einzureisen. Und ich schäme mich, wenn in Deutschland der braune Pöbel lautstark sein hässliches Maul aufreißt, Molotowcocktails auf Polizisten schmeißt und Asylantenheime anzündet.

Für den letzten Aspekt dieser unerträglichen Schande weiß ich Abhilfe. Eine einfache und praktische Idee, wirksam und leicht finanzierbar. (Insbesondere, weil die erste Jahreshälfte unserem Finanzminister ein unerwartetes Haushaltsplus von 21 Milliarden € bescherte.) Linksgerichtete Demonstranten wurden bekanntlich in der Vergangenheit wiederholt von der Polizei eingekesselt, das muss also auch mit dem rechten Mob funktionieren. Statt ins Untersuchungsgefängnis kommen die angeblich aufrechten Volksdeutschen in Abschiebehaft und fliegen dann ruckzuck nach Tripolis oder Damaskus. One Way versteht sich, ohne Pass und Taschengeld. Sollen die hirnlosen Ausländerhasser ruhig mal am eigenen Leib erfahren, wie das Leben in Syrien oder Libyen ist. Und wenn sie nicht im Schlauchboot übers Mittelmeer fahren wollen, bleibt ihnen immer noch der Fußweg durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien und die schönen Balkanländer. Wer sich ranhält, ist Weihnachten wieder zuhause. Oder Ostern. Und kann unterwegs mal etwas nachdenken.

Flüchtlingsdebatte

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