Nix als heiße Luft

Ende der siebziger Jahre – ich fuhr mein erstes Auto, einen VW-Käfer 1200, stieg dann aber bald auf einen rostigen Mercedes mit Heckflossen um – gab es bei uns auf dem platten Land eine sehr beliebte TÜV-Prüfstelle. Ein verschlafenes Kaff irgendwo zwischen Bremen und Bremerhaven, dort eine kleine Halle und darin zwei Prüfer, die beide soffen wie die Löcher. Mit motorisierten Wackelkandidaten, die man in der Stadt niemals über den TÜV bekommen hätte, fuhren wir vertrauensvoll aufs Dorf und ließen eine Flasche Weinbrand auf der Rückbank liegen. Oder zwei. Sofern die Karre Türen, Räder, Bremsen und Frontscheinwerfer hatte, klebte nach der Prüfung das farbige TÜV-Siegel auf dem hinteren Nummernschild, und der Weinbrand war verschwunden.

Ein paar Jahre später – ich schraubte immer noch mit Begeisterung an allem herum, was nach Benzin stank – konnte man echte TÜV-Plaketten angeblich sogar für 150 DM bei einem Bremer Tankwart kaufen. Hab ich allerdings nie ausprobiert, war mir zu teuer. Aber getrickst und geschummelt wurde und wird trotzdem nach Leibeskräften, besonders bei Fahrzeugen und überall in der Welt. Das war wahrscheinlich schon in der Steinzeit so, wenn ein Kunde beim örtlichen Steinmetz zwei neue Räder für seinen einachsigen Lastkarren bestellt hatte, und beim Abholen feststellte, dass die Dinger alles andere als rund waren. Überall Ecken, Kanten und Grate – eine wirklich schlampige Arbeit. Mitnichten, protestierte der Steinmetz empört, dies seien die neuen Geländereifen, die auch bei Eis und Schnee stets sichere Fahrt garantierten.

So, Schluss mit Märchenstunde. Volkswagen hat zugegeben, mindestens 11 Millionen Dieselautos mithilfe elektronischer Tricks so gesäubert zu haben, dass bei der Abgasuntersuchung nur noch ein laues Frühlingslüftchen aus dem Auspuffrohr kommt. Toll, der Werbespot aus Amerika, wo eine rüstige Rentnerin ein paar Freundinnen ihren neuen VW-Diesel vorführt. Sie hält einen weißen Kaschmirschal bei laufendem Motor hinter den Auspuff, zeigt ihn dann den anderen Damen und jubiliert: „You see, how clean it is!“ Bullshit. Im normalen Fahrbetrieb kommen hinten bis zu 40 mal so viel Rußpartikel und giftige Abgase raus, wie bei der Messung in der Werkstatt. Und das nicht nur bei Modellen von Volkswagen, auch Opel, BMW und Mazda sehen im Fahrbetrieb schlecht aus. Der saubere Dieselmotor ist eine Illusion, wie Luftanalysen aus vielen Innenstädten belegen. 18 Milliarden Dollar Strafe drohen nun Volkswagen allein in den USA, die Aktie ist massiv gefallen, der Konzern hat um 25 Milliarden Euro an Wert verloren, Arbeitsplätze sind in Gefahr und das Image des größten deutschen Autoherstellers ist schwer beschädigt. Martin Winterkorn trat heute als Vorstandschef zurück, nachdem er erst im Frühjahr den internen Machtkampf gegen Ferdinand Piech gewann, und zwei Tage vor der geplanten Verlängerung seines Vertrags (Jahresgehalt knapp 16 Millionen). Dumm gelaufen.

Neulich schrieb ich im Comment "Wunderbarer Wertzuwachs" über die alltägliche Abzocke durch Mineralölkonzerne und erwähnte dabei auch den Libor-Skandal, bei dem rund 20 Banken jahrelang Zinssätze zu ihrem Vorteil manipulierten. Zur Strafe mussten sie 1,7 Milliarden Euro berappen, fast die Hälfte davon blechte allein die Deutsche Bank. Vor drei Wochen dachte ich noch, diese kackdreiste Betrugsnummer wäre ein echter Hammer. Was jetzt aber bei Volkswagen bekannt wurde, ist mindestens Hammer plus Meißel und Drehmomentschlüssel. Eigentlich unvorstellbar! Wenn das neoliberale TTIP-Abkommen schon gelten würde, könnten die USA unser Land wahrscheinlich auf 17,2 Trilliarden Euro Schadensersatz verklagen. Dann müssten wir entweder alle zusammen Privatinsolvenz anmelden, oder Sylt, Helgoland, Rügen und Mallorca den Amerikanern als Kolonien überlassen.

Ich bin jedenfalls gespannt – keine gespannte Vorfreude, sondern eher ein zynisches Waskommtwohljetzt – auf den nächsten Skandal. Wurde die Mondlandung von Apollo 11 tatsächlich in einem Hollywoodstudio gefilmt? Halten die Amerikaner auf dem Militärgelände Area 51 seit Jahrzehnten ein paar Außerirdische gefangen, und versuchen den traumatisierten Aliens die komplizierten Regeln des Baseball beizubringen? Sind Chemtrails (gutgläubige Naivlinge sagen auch Kondensstreifen dazu) nicht etwa allgegenwärtige Zeichen einer perfiden Verschwörung, um das Wetter zu manipulieren und die Menschen global zu verdummen, sondern ungeheuerliche Beweise für etwas viel Abscheulicheres?

Aus gewöhnlicherweise gut informierten Kreisen erfuhr ich jedenfalls, dass Flugzeugturbinen nicht nur Öl und Kerosin verbrauchen, sondern ohne den Zusatz von etwas menschlichem Urin nur wenige Minuten funktionieren und dann unweigerlich in Brand geraten. Genau deshalb bekommen wir von den Stewardessen ständig Getränke serviert, damit wir im Flieger reichlich pinkeln müssen, schon kurz nach dem Start werden die ersten Drinks serviert. MH 370, die verschwundene Boeing 777 der Malaysia Airlines, ist letztes Jahr vermutlich nur deshalb ins Meer gestürzt, weil die gesamte Toilettenanlage defekt und sämtliche Urintanks leer waren. Shit happens.

Wundert euch jedenfalls nicht, wenn ESS bald als Zivilisationskrankheit offiziell anerkannt wird. ESS kennt ihr nicht? Am Empörungs-Stress-Syndrom leiden heutzutage immer mehr Menschen, weil man sich nicht mehr in dem Tempo aufregen und empören kann, wie in unserer globalisierten Welt bislang unvorstellbare Sauereien bekannt werden.

Abgas-Skandal