Ode an den miesen Keks

Eventuell ist es ein wenig seltsam, im neuen Jahr noch mit diesem Thema daherzukommen, aber gerade jetzt stehen die Zeichen günstig für diese ganz besondere Gelegenheit, denn längst sind sie nicht alle gegessen. Und sie sind gereift. Vielleicht waren sie ja schon von Vornherein besonders. Besonders mies nämlich und sind nicht zuletzt deswegen noch zahlreich vorhanden. Ich gebe es zu, ich stehe auf Gebäck von Dilettanten. Klar weiß ich auch gelungenes Backwerk von Tante Trulla und ihren kochfreudigen Epigonen zu würdigen, aber so ein staubiger Betonziegel, in vager weihnachtlicher Form, der will erarbeitet und entdeckt werden. Der möchte seine geheimen Talente nicht billig unter's Feinschmeckervolk schmeißen, sondern auf den zweiten Blick erobern. In der Regel stecken ja durchaus die besten Zutaten drin. Unsachgemäß in Formation gebracht freilich, aber hier kommt der hoffentlich abenteuerlustige Konsument ins Spiel. Es gibt gar keinen Grund zu scheuen, oder gar dankend abzulehnen, mit Verweis auf den angeblich schon unübersehbaren Hüftspeckgürtel wegen andauernden Fressenmüssens und so…. Es steckt Gutes in dem unförmigen, zu Stein verbrutzelten Klops. Er ist eine Herausforderung der besonderen Art. Und während die fiesen Superplätzchen von Tante Trulla den allgemein sehr gefürchteten Fressanfall auslösen und man sie schon heimlich hasst, noch bevor man die ersten zehn verputzt hat, lassen es die traurigen Zementfladen von Onkel Herbert kaum zu, dass man sich mit ihnen vernichtet. Selbstverständlich futtern wir die von der Tante trotzdem noch in einem Zug weiter bis sich der Dosenboden breitmacht, das muss ich denke ich gar nicht mehr dazusagen. Die hätten laut Tante eigentlich die gesamte Weihnachtszeit versüßen sollen, aber nach zwanzigminütiger Fressattacke ist der Vorrat dahin und man selbst sauer und sehr unglücklich.
Das kann einem mit Onkel Herberts Teigvergehen wirklich nicht passieren. Man kaut lange an einem solchen "Plätzchen", wenn man Glück hat bis die Kiefermuskulatur die ersten Zeichen von Verkrampfung anmeldet. Dabei wird der Mund oft trocken und irgendwie sandig. Der Schluckreflex macht Urlaub irgendwo im Enddarm oder schult um auf Schluckauf und man überlegt, wie man aus der Nummer rauskommmt. Dabei ist der Trick denkbar einfach. Kleine Bissen! Die ermöglichen erst ordentliches Einspeicheln. Lange den zementartigen Brei im Mund umherwälzen und nach und nach der Genese des bis dahin gut gehüteten Geschmackpotentials beiwohnen. Das "Plätzchen" sozusagen auf der Zunge fertigbacken. Es lohnt sich. Und dann ist da ja auch noch der Kaffee. Ein unschätzbarer Helfer in der Not. Man kann die Dinger damit einweichen, sogar darin baden bei Bedarf! Es funktioniert. Kaffeearoma gesellt sich hinzu und erweicht die grobe Masse, verwandelt sie womöglich in etwas ganz Wunderbares. Man schafft vielleicht Drei bis Fünf auf diese Weise. Vielleicht schafft man mit Kaffee Zehn. Aber man ist hinterher nicht bis zum Anschlag ausgegossen mit geronnener Teigmasse exzellenten Handwerks. Man kann noch gehen. Vielleicht lächelt man sogar.
Es sind die besten Weihnachtskekse, Hand aufs Herz. Plätzchen wollen wir sie trotzdem nicht nennen hier. Wer solche Unfälle am weihnachtlichen Herd verursacht kann mir künftig gerne eine Dose schicken. Die reicht auch ein paar Jahre.

Genuss

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