Outside Of Society

Schon seit Wochen nerve ich alle, die ich kenne, mit Gerede über diesen Film. Warum? Weil ich nicht will, dass ihn jemand verpasst. So wie ich ihn als "normale" Kinogängerin wahrscheinlich auch verpasst hätte, wenn ich nur auf den Titel geguckt und entsprechend den gefühlt 1000. semi-inspirierten Comic-Blockbuster erwartet hätte. Das hatte ich schmählicherweise, als ich komplett unvorbereitet, mittelmäßig motiviert und einige Minuten zu spät in die Pressevorführung gestolpert bin. Manchmal hat man halt keinen Plan.

Ziemlich schnell hat sich dann im Kino allerdings die angenehme Überraschung eingestellt: Dieser Captain ist nämlich nicht etwa ein bis ins letzte CGI-Haar animierter, coole Oneliner spuckender, mit Superkräften gegen das Böse blitzender Typ im Muskelanzug – das alles jedenfalls nicht im konventionellen Sinn. Dieser „Captain“ ist auf ganz eigensinnige Art fantastisch, was nicht zuletzt an Viggo Mortensens hier mal wieder besonders schillerndem Charisma liegt. (Ja, ich bin Fangirl, lasst mich doch.)

Der Ex-Aragorn spielt den überzeugten Aussteiger, der mit seinen sechs Kindern irgendwo im amerikanischen Hinterland lebt – und das ziemlich gut. Nicht nur das Jagen und sonstige Selbstversorgen, sondern auch alles, was die humanistische Bildung hergibt, lehrt der Freigeist seine gewitzte Brut. Dann nimmt sich die Mutter der Kinder in einer Psychiatrie das Leben, und die Familie bricht im alten Schulbus zur Beerdigung auf. Ein abenteuerlicher Roadtrip zurück in die Zivilisation beginnt, bei dem die wichtigen politisch-philosophischen Fragen sozusagen auf der Straße liegen.

„Wer außerhalb der Gesellschaft lebt, ist entweder ein Tier oder ein Gott.“ Mit Aristoteles gedacht, ist die Familie Cash dem Mainstream in allem weit voraus. Aber Regisseur Matt Ross macht nicht den Fehler, die Schattenseiten dieser scheinbaren Überlegenheit auszublenden und lässt auch seinen „Captain“ durchaus ambivalent erscheinen.

„Du hast uns zu Freaks gemacht!“, beschuldigt der älteste Sohn Bodevan (stark: George MacKay) seinen Vater, als er unterwegs feststellt, dass es schwierig ist, sich mit Gleichaltrigen anzufreunden, wenn man zwar das kommunistische Manifest verstanden hat, aber nicht weiß, wer Mister Spock ist.

Die Konfrontation mit dem, was man so die „normale“ Welt nennt, hält entsprechend einiges an Zündstoff bereit für interessante Konflikte innerhalb und außerhalb der coolen Aussteigerfamilie, aber auch für richtig gute Pointen. Die mitreißende Inszenierung und der großartige Soundtrack tun ihr Übriges.

Auf jeden Fall einer der wenigen Filme, die man so im Kino zu sehen bekommt, die klug, anspruchsvoll, originell, rührend UND witzig sind. Allein die Szene, in der die Cashs in schönster Hippie-Pracht die Beerdigung crashen – mittendrin Viggo Mortensen im knallroten Samtanzug – ist die Kinokarte locker wert.

Captain Fantastic

https://www.youtube.com/watch?v=hn3sRSb2Lk4