Panzer zu Rotstiften?

Definieren wir mal jede Äußerung, die auf einer Karnevalssitzung fällt oder durch einen Karnevalswagen zum Ausdruck kommt, als Satire, und nehmen wir dazu den nach dem Attentat auf die französische Satirezeitschrift viel gebrauchten Satz „Satire darf alles“. Dem entsprechend müsste man im Grunde folgern, dass auch ein Karnevalswagen in Gestalt eines Panzers, der zur Asylabwehr unterwegs ist, unter Satire fällt und von daher nicht zu beanstanden ist. Da fragt man sich schon, was der Staatsanwalt damit zu tun hat.

Aber gut, im öffentlichen Diskurs ist es ja allgemeine Auffassung, dass negative Äußerungen gegen Flüchtlinge tunlichst zu unterlassen sind, um den Rechten keine Munition zu geben. Da stellt sich allerdings einerseits die Frage, ob der Panzer der Ilmtaler Asylabwehr nicht eher als Veralberung der Rechten, als satirische Reaktion auf die „Schießbefehl“-Äußerungen von AfD-Politiker gedacht sein kann, und es stellt sich andererseits die Frage, wo die Grenzen der freien Meinungsäußerung verlaufen.

Hier kommen wir dann zu der Diskussion um die auf der politischen Korrektheit aufbauende These der Mikroagressionen, wonach jegliche Äußerungen zu unterlassen sind, die gesellschaftliche Gruppen in irgendeiner Art und Weise klischeehaft und tendenziell negativ darstellen. Im Grunde ist Karneval ja die Hochzeit der Mikroagressionen, werden gesellschaftliche Gruppen und Einzelpersonen mit viel Freude und unter fröhlicher Nicht-Beachtung der Grenzen des guten Geschmacks durch den Kakao gezogen. Hier ist es wie mit der Satire – Sollte man das unterlassen, weil sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen getroffen fühlen könnten? Dann dürften die Karnevalsumzüge im kommenden Jahr deutlich kürzer ausfallen, und die Karnevalssitzungen müssten ohne Redebeiträge auskommen. Die deutsche Satire- und Comedybranche könnte komplett zumachen.

Was haben sich denn die Politiker und Bürger gedacht, die im letzten Jahr auf einmal alle Charlie waren, weil es sich aufgrund der Betroffenheiten nach dem Attentat von Paris so gut machte? Waren wirklich alle der Meinung, Satire dürfe alles, und haben nicht bedacht, das alles wirklich alles bedeutet, also auch Grundhaltungen, durch die man sich selbst angegriffen fühlt? All dies lässt in mir das Gefühl aufkommen, dass der gesellschaftliche Diskurs nicht nur in Deutschland mehr und mehr ins Irrationale abdriftet.

Im Grunde sollte doch gleiches Recht für alle gelten. Wenn sich jemand auf der Bühne ungestraft über die katholische Kirche lustig machen darf, sollte er ebenfalls Witze über den Islam reißen können. Wenn jemand – im Scherz - fordern darf, Pegida und AfD sollten nach Sibirien oder auf eine kleine im Entstehen begriffene Nordseeinsel verbannt werden, sollte man dieselbe Forderung doch auch für Flüchtlinge, Schwule oder Karnevalisten stellen dürfen. Wenn jemand behaupten darf, die katholische Kirche oder Burschenschaften brauche niemand mehr, sollte ein Anderer auch behaupten dürfen, Linke oder Transsexuelle brauche niemand mehr. Mikroagressionen treffen alle gesellschaftlichen Gruppen, nicht nur die üblichen Verdächtigen.

Komischerweise hat unser gesellschaftlicher Diskurs aber hinsichtlich auch scherzhaft gemeinter Äußerungen über verschiedene gesellschaftliche Gruppen verschieden eingestellte Sensoren und belegt Äußerungen desselben Inhalts mit verschiedenen Sanktionen, in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Gruppen, die dadurch getroffen werden. Wer Mohamed als Kinderschänder bezeichnet, hetzt gegen den Islam, wer katholische Priester als Kinderschänder bezeichnet, erntet ein wissendes Lächeln. Im Grunde stellen beide Äußerungen Mikroagressionen dar und sind zu unterlassen, wenn man der Meinung ist, alle gesellschaftliche Gruppen sollten vor Verletzungen geschützt werden.

Ich persönlich brauche die ganze Diskussion nicht. Für mich kann jeder über jeden reden, was er will und sollte sich dann halt auf den passenden Konter einstellen, verbal, wohl gemerkt. Wer Schutzräume gegen Mikroagressionen fordert, wer fordert, dass jedwede klischeehafte Äußerung unterlassen und jedwede Karnevalsverkleidung darauf abgeklopft wird, ob sich irgendjemand davon verletzt fühlen könnte, ist im Begriff, die Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen und eine Gesinnungsdiktatur einzuführen, die darauf hinauslaufen wird, dass in Zukunft Karnevalsveranstaltungen nur noch an öffentlichen Plätzen stattfinden können, an deren Eingängen die Kostüme der Jecken und Narren auf mögliche Mikroagressionen überprüft werden, dass Reden bei Karnevalssitzungen in Zukunft vorher von einem Zensurgremium gegengelesen werden, die alle möglicherweise missliebigen Passagen streichen, und dass eine neue Zensurbehörde eingerichtet wird, die alle satirischen Texte darauf abprüft, wer sich davon auf den Schlips getreten fühlen könnte.

Es könnte auch dazu führen, dass das Äußerungen im öffentlichen Raum, also auch im Internet, in Zukunft deutlich restriktiver gehandhabt werden. Witze wie der folgende dürften dann nicht mehr in der Öffentlichkeit zu lesen und zu hören sein – Fragt ein katholischer Priester einen Rabbi: „Wann kann ich erleben, dass Du Schweinefleisch isst?“ Antwortet der Rabbi: „Auf Deiner Hochzeit!“ Eigentlich ein schöner Witz, aber im Grunde eine Ansammlung von Mikroagressionen gegen Minderheiten.

Mein Fazit: Jegliche Äußerungen wie der Panzer als Karnevalswagen sind möglicherweise ein Fall für den öffentlichen Diskurs, aber man sollte diesen Diskurs unaufgeregt, ohne persönliche Betroffenheit und auch ohne die allseits beliebten Sanktionen im Hintergrund führen. Und sie sollten auf keinen Fall einen Fall für den Staatsanwalt sein, oder wir müssen alle in Zukunft verdammt aufpassen, was wir sagen. Die gesellschaftliche Gruppe, über die wir reden, könnte die besseren Anwälte haben.

Satire darf alles

http://m.welt.de/debatte/kolumnen/deutsch-sued-west/article151980143/Der-Narr-solls-Maul-halten.html

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